Stellaluna“, das erste Kinderbuch der amerikanischen Autorin Janell Cannon, ist ein seltener Glücksfall. (Dieser Satz muß am Anfang stehen, weil es Leser geben soll, die im Verlauf des Artikels ermüden und nur den ersten und/oder letzten Satz wahrnehmen. Deshalb wird er am Ende noch mal auftauchen.)

Wer dieses Buch hin und wieder auf den Kopf stellt, liegt durchaus richtig, obwohl es eigentlich ein falsches Bild ergibt. Das macht: Der Flughund, Hauptdarsteller dieser Geschichte, der gewöhnlich nach unten hängt, steht hier – ab und zu – naturwidrig aufrecht, verkehrt herum also, wenn man es richtig sieht.

Die zweite Besonderheit: Wer dieses Buch als lehrreiche Erzählung betrachtet oder als Sachbuch oder als Bilderbuch, hat gleichermaßen recht und seine helle Freude. Das macht: Die Bilder erscheinen so poetisch wie der Text klug und die Geschichte witzig.

Die dritte Besonderheit: Janell Cannon „malt“ photorealistisch genau, ohne platt realistisch zu werden. Wie mit Mondlicht ausgeleuchtet strahlen Vögel und Flughunde in gedecktem Weiß, vor farbigen, meist tiefblauen, unscharfen Hintergründen, die wie Rückprojektionen vorbeiziehen. Transparent und intensiv zugleich wirken diese eingefrorenen Standbilder eines nie gedrehten Filmes.

Das Handlungsschema selbst ist alt und schnell erzählt: Eine Mutter verliert ihr Baby, das ins fremde Nest plumpst. Gezwungen, sich anzupassen, nach den neuen Regeln zu leben, ahnt das Kind, daß da einmal etwas anders war. Als es schließlich von der Vergangenheit eingeholt wird, weiß es, wohin es gehört, ohne einer der beiden Welten untreu zu werden. Die Lehre könnte nach gutgemeinter Pädagogik riechen, würde sie nicht im Vergnügen an den Bildern aufgehen.

„Wie können wir so verschieden sein und uns doch so ähnlich fühlen? Und wie können wir uns so verschieden fühlen und doch so ähnlich sein?“ fragen sich am Ende die kleine Flughündin Stellaluna und die drei Vogelkinder Pip, Flatter und Flap, nachdem sie tage- und nächtelang versucht haben, Wunsch und Wirklichkeit zur Deckung zu bringen. Flughunde schlafen tagsüber, fressen Früchte und hängen an den Füßen; Vögel fühlen sich dabei nur bedingt wohl.

Trotzdem, die kleinen Vögel zögern nicht, das vom Himmel gefallene Flughundkind zu imitieren, während sich Stellaluna dafür todesmutig mit lebenden Insekten füttern läßt. Der armen Vogelmutter fällt vor Entsetzen die Raupe aus dem Schnabel, als sie ihre lieben Kleinen kopfunter aus dem Nest hängen sieht, und hält den erschreckt aufgerissenen Augen des Flughundbabys eine Strafpredigt, bis der Gast verspricht, sich in Zukunft wie ein gut erzogener Vogel zu benehmen.