In der "Schule des großen Krieges", sagt man, soll die Moderne entstanden sein. Und mit ihr die Ästhetik der Plötzlichkeit, die neue Nüchternheit, die Versachlichung der Gefühle. Eine neue Formensprache soll der Krieg hervorgebracht, dem Bürger seinen faulen Frieden und seine Nachtmütze vom spitzen Kopf geweht und überhaupt im die "Erweiterung" und "Entselbstuig" der Gattung Mensch große Verdienste gehabt haben. Die "Zeit des weichlichen Gewinseis" (Ernst Jünger), sagen die, die es wissen müssen, war mit dem Ersten Weltkrieg plötzlich verschwunden.

Die Ausstellung im Alten Museum, visà-vis der Berliner Schloß-Attrappe, zeigt die Bilderwelt des Erster. Weltkrieges: die Gebrauchskunst im ersten, europäische Malerei des Weltkriegs im zweiten Teil. Von den grimassierenden Pickelhaubenträgern, den launigen Feldpostkarten, den Werbemarken für Armee-Fußstreupulver und Grußadressen aus der "Villa gemütlich" im Schützengraben führt der Weg zu den Todeslandschaften, den Skulpturen und Zeichnungen.

Welche Erschütterung der Erste Weltkrieg für die Künstler mit sich brachte, zeigt schon die Propaganda-Abteilung. In Carl Strathmanns "Sturmangriff", einem Gemälde, das noch die übersichtliche Welt des kleinen Von-Mann-zu-Mann-Gemetzels feiert, ahnt man bereits das Entsetzen der neuen Kriegswirklichkeit. Und selbst bei traditionellen Schlachtenmalern wie Ferdinand-Joseph Gueldry ist der Leichenbrei von der zerfetzten Landschaft nicht zu unterscheiden – perfide Erfüllung des Traums von der "Erweiterung" des modernen Menschen.

Den zweiten, der Avantgarde gewidmeten Ausstellungsteil dominieren die englischen war artists. Vom Staat zum Kriegsmalen bestellt, entwickeln Nevinson und Nash einen rätselhaften Metallic-Realismus, in dem Kriegsverklärung und Kriegsanklage ununterscheidbar sind. Soldaten – mehr Helm als Gesicht, mehr Maschinengewehr als Mensch – trotten wie auf einem Kriegsfließband zur Schlacht. Präzision und Formenstrenge adeln die Zerstörung, der metallene, blutlose Maschinen-Tod ist beinahe eine Verheißung, Nashs Todesszenarios sind zugleich Paradiesbilder, der letzte Tag der Menschheit ist der erste einer neuen, unbekannten Zeit.

Symbol, Allegorie, Überhöhung und Sinnbilder fehlen fast ganz. Statt dessen immer wieder dieselben Kriegsstilleben: Baumstümpfe und Bombentrichter, Bombentrichter und Baumstümpfe, septisch, formstreng und pathetisch, eine menschen- und Jeichenlose Sachlichkeit des Horrors, die in ihren monumentalen Typisierungen wenig über den Krieg, aber viel über die Kriegsideologen sagt.

Kriegsideologen sind die meisten der ausgestellten Maler, die Italiener Balla und Carrà als müde Durchschnitts-Futuristen, der Russe Malewitsch als naiver Bauernkunst-Kriegsmaler, der Franzose Vallotton als Genremaler des Todes, Antikriegskunst ist rar: Käthe Kollwitz, Otto Dix,. Max Beckmann, Willy Jaeckel, George Grosz skizzieren das Leid der Opfer, ihre großen Antikriegsgemälde und -Skulpturen entstehen erst in den zwanziger und dreißiger Jahren. So ist die Bilderschau vom Krieg eine Dokumentation der Verirrungen, keine Ausstellung der Kunst-, sondern eine der Verblendungsgeschichte. Iris Radisch