13 Jahre, thailändischer Schüler am Auersperg-Gymnasium in Passau-Freudenhain

Um halb sieben weckt uns der Präfekt. Das Seminar St. Valentin liegt am Domplatz in Passau, und dort wohnen Schüler aus den verschiedensten Ländern. Ich bin das einzige thailändische Kind, das alleine in Deutschland lebt. Eigentlich ist das erst ab sechzehn erlaubt, aber meine Eltern haben eine Sondergenehmigung bekommen. Denn ich bin wegen der Geige hier.

Der Direktor der Menuhin-Schule in der Schweiz war in Bangkok und fand, daß ich begabt bin. Da es in Thailand keinen Violinunterricht gibt wie hier und auch kein musisches Gymnasium, besuche ich jetzt das Musische Gymnasium der Maria-Ward-Schwestern in Passau, das ist eine sehr schöne alte Schule auf dem Berg. Später soll ich einmal auf die Menuhin-Schule gehen.

Vor drei Jahren bin ich hergekommen, und es hat mir gar nichts ausgemacht, daß ich kein Wort Deutsch verstand. Ich fand alles unheimlich spannend. Ich bin immer neugierig und will Abenteuer erleben und schaue im Atlas herum.

Morgens habe ich dazu natürlich keine Zeit, denn um zehn vor sieben muß ich zum Morgengebet. Das wird alles sehr knapp, weil ich manchmal meine Schultasche noch nicht gepackt habe und der Präfekt kommt, um mich noch abzufragen, und um Viertel nach sieben ist Frühstück. Kurz vor halb acht muß ich zur Schule. Man kann mit dem Bus auf den Berg fahren; aber ich gehe zu Fuß, weil der Schulweg sehr schön ist. Ganz früher, als ich noch ein Meter dreißig war, hat einmal so ein Sturm geblasen, daß ich fast von der Schanzlbrücke in die Donau geflogen bin.

Am Montag ist in der ersten Stunde Mathematik. Unser Mathematiklehrer spielt die Orgel in einer Kirche im Bayerischen Wald. Latein habe ich nicht so gern. Unser Lateinlehrer, Herr Doktor Olf, spricht auf lateinisch wie normale Leute deutsch. Die Musik ist bei uns Hauptfach. Aber das ganze theoretische Zeug ist schrecklich, und ich hasse die harmonischen Dreiklänge und die Kadenzen; die sind so ähnlich wie Grammatik, lieber habe ich Erdkunde und Geschichte. In Thailand geht die Schule bis 16 Uhr, und dann gibt es noch Hausaufgaben. Man wird dabei aber gar nicht gebildet, man ist nur immer beschäftigt. Wenn man etwas falsch macht, gibt es Schläge, pro Fehler einen Schlag.

Auf dem Nachhauseweg muß ich sehr schnell gehen, weil es um 13 Uhr im Internat Mittagessen gibt. Ente und Knödel esse ich am liebsten oder Spätzle.