Vor allem wird die Vergangenheit besser werden, je schlechter unser Gedächtnis wird. In einer voraussehbaren Zukunft wird man Helmut Kohl als eines gütigen, wenig störenden Landesvaters gedenken, des Chiefmanagers eines Freizeitparks, in dem man es sich lange Jahrzehnte wohl sein ließ. Der Tag ist nicht fern, da man voller Rührung das Portrait des besagten Kanzlers betrachten wird, der, ein Mephisto unter umgekehrten Vorzeichen, stets das Gute gewollt und dennoch das Böse geschaffen hat. Ohne die finsteren Mächte des Ostens wäre Deutschland in den Grenzen von 1988 geblieben, was es gewesen ist: ein Schlaraffia sondergleichen (zumindest im nachhinein).

Ohne jene geschichtsnotorische russische Heimtücke, durch die dem Kanzler die deutsche Einheit untergeschoben wurde, wäre alles, alles beim guten alten geblieben. Doch mit den faustischen Zaubersprüchen „Glasnost“ und „Perestrojka“ hat Gorbatschow auf diabolische Art und Weise das Böse seines Reiches über die Grenzen desselben hinaus ausgedehnt.

Bereits jetzt läßt sich der künftige Historikerstreit vorausahnen, dem zufolge die Wiedervereinigung Deutschlands als gelungene Rache der Verlierer des Kalten Krieges interpretiert werden wird respektive als generalstabsmäßig geplantes Unternehmen der Alliierten des Zweiten Weltkrieges, die ökonomischen Expansionsgelüste Deutschlands zu verhindern. Die Absicht liegt eindeutig auf der Hand. Durch die Kosten der deutschen Einheit, welche man dem Kanzler raffinierterweise vorenthielt, wird die wirtschaftliche Macht des Riesen in Mitteleuropa reduziert, wenn nicht gar gebrochen. Man ahnt die Legendenbildung von einer Weltverschwörung zur Niederhaltung Deutschlands durch den Griff in des letzteren Kasse. Der Abzug der russischen Truppen und ihre Unterbringung im Heimatland, die ökonomische und ökologische Sanierung der einstigen DDR, die Beteiligung an internationalen, teuren, zum Scheitern verurteilten Friedensstiftungen – all das vermindert unsere Möglichkeiten, als das aufzutreten, wofür wir uns immer wieder mal gehalten haben: als Großmacht.

Man wird Helmut Kohl irgendwann vorwerfen, er habe dieses abgefeimte Spiel seinerzeit nicht erkannt. Doch dann wird es zu spät sein, unserer Weltgeltung nachzutrauern, die wir mit der Vereinigung eingebüßt haben.

Dennoch kann Helmut Kohl froh sein, die Kanzlerschaft abgegeben zu haben. Seine Nachfolger werden es mit den separatistischen Bestrebungen Ostdeutschlands zu tun kriegen, wo ein Kanzlerprätendent (oder eine Prätendentin) in der Illegalität residiert, um durch eine Sammlungsbewegung aller DDR-Gläubigen einen neuen fundamentalistischen Staat von der Nation abzuspalten. Wir wissen ja, je weiter wir uns von der DDR entfernen, desto schöner und besser ist sie geworden. Wenn wir wieder Photos in den Zeitungen sehen werden von den Grenzkontrollen bei der Einreise in die selbständige politische Einheit Brandenburg, regiert von der PDS und ihrem geheimen Ehrenmitglied Manfred Stolpe – erst dann wird unsere Welt wieder ins Lot kommen.

Freilich: Helmut Kohl mag dieses Ende seiner Illusionen von Oggersheim her geruhsam betrachten und still und besonnen seinen Saumagen verzehren. Er hat, namens des Weltgeistes, das Seine getan, eine Figur der deutschen Geschichte zu werden, der ein Happy-End zu wünschen wäre. Seine durchaus einmalige historische Stellung ist schon heute unleugbar, wie sich aus nachstehender Annonce ersehen läßt: „Pfeife von Bundeskanzler Kohl mit Zertifikat aus Benefizversteigerung.“ (Aus Sammlerjournal 4/94)

Günter Kunert, Jahrgang 1929, geboren in Berlin, lebt heute als freier Schriftsteller in Schleswig-Holstein