In einem Land vor unserer Zeit: die DDR im Frühjahr 1989. Ein Industriestädtchen irgendwo im sächsischen Uranbergbaugebiet, überragt vom „Ölschnitzer Helm“, einer riesigen Abraumhalde. Die heimatliche Kulisse regt Alfred Donner, Klasse 11a der Gennadi-Akimow-Oberschule, zu einer höchst eigenwilligen Gestaltung des Motivs vom Gesslerhut in Schillers „Wilhelm Tell“ an: Prinzessin Glasnostia – traumschön natürlich – kommt in ein Ländchen, über das ein Hut aus Eisen gestülpt ist, der zugleich die Staatsgrenze bildet. Die Einreise erfolgt durch ein Rostloch. Drinnen ist es finster, und es riecht nach Muff, aber überall hängen Plakate: „Gut behütet in die sichere Zukunft“. – Unabhängig davon, daß die Prinzessin in Alfreds Aufsatz mit heiler Haut davonkommt: kleinbürgerliche Enge, Doppelmoral, Opportunismus, zum Staatsprinzip erhobene Lebenslügen – das sind Nährboden und Milieu, in dem gedeiht, was Günter Saalmann in seinem Jugendroman „Zu keinem ein Wort!“ unter dem Teppich des Verdrängten hervorkehrt.

Nicht der organisierte Neofaschismus, der sich nach der Wende in Ost und West restaurierte, liefert den Hintergrund des Romans. Der Autor zeichnet vielmehr jugendlichen Protest gegen Mief und Muff nach, der sich in verschiedensten Formen – beileibe nicht nur in politischem Widerstand – Luft zu machen suchte: in Teufelsanbetungen, in verquastem Nazikult oder in bürgerschreckenden Skin- und Punk-Outfits. In den letzten Jahren der Republik bildeten sich Subkulturen, die von den Staatsorganen mit allen Mitteln aus der öffentlichen Diskussion gedrängt wurden. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Doch je mehr der Putz am Bauwerk DDR bröckelte, desto mehr provozierte die verordnete Ignoranz. So kam es in einem sächsischen Ort, den Günter Saalmann Ölschnitz nennt, zu einem schrecklichen Vorfall: Fascho-Skins schnitten einem Mädchen mit Glasscherben ein Band mit Hakenkreuz zwischen Hals und Brust. Der Fall wurde von der Staatssicherheit vertuscht. Der Autor recherchierte Tat und Umfeld und verwob Fakten und Phantasie zu einer spannenden Erzählung – Krimi, Milieustudie, Jugendroman und zeitgeschichtliches Dokument in einem (Sorgen des Verlags, das Buch könnte im vergangenen Jahr ein Hallenser Mädchen zu seiner spektakulären Hakenkreuzaktion motiviert haben, erwiesen sich als unbegründet.)

Alles beginnt am 20. April 1989 mit einer mitternächtlichen Geburtstagsfete von Elftkläßlern am alten Niederölschnitzer Friedhof. Gefeiert wird nicht des Führers Hundertster, sondern – wer könnte daran zweifeln – Simones Siebzehnter. Wenn es Anfang November am selben Ort zum dramatischen Showdown kommt, weiß man – nicht zuletzt dank des Spürsinns von Alfred und Freunden – eine ganze Menge über die Verfassung der Republik in diesem „geschundenen Winkel des Vaterlands“. Man kennt das Villenviertel droben am Hohnsteiner Hang, wo die neue Elite residiert wie einstmals die Fabrikanten. Man riecht den Mief der geölten Dielen im Schulhaus. Hört die morgendlichen Fahnenappelle im Hof. Wirft einen Blick in die verrußten, baufälligen Wohnhäuser im Bahnhofsviertel mit dem Plumpsklo auf halber Treppe. Begleitet Alfred nach Hause ins Neubaugebiet, wo die Langeweile zusammen mit den Staubwolken vom Ölschnitzer Helm in jede Ritze kriecht. „My home ist mein Kastl“, kommentiert der Junge sarkastisch Vaters Anstrengungen, das Heim mit nußbaumgebeizten Paneelen gegen die Unbilden des Lebens zu isolieren. Man hört, sieht, riecht das alles und kapiert plötzlich, warum es Hanno ins Fascholager treibt; Hanno, den verwöhnten Sohn des Kreisschulrats und FDJ-Sekretärs, der von Familie und Schulleitung zu einer Laufbahn als Militärpilot gezwungen wird und sich nur noch mit blanker Verweigerung zu helfen weiß.

„Zu keinem ein Wort!“ ist ein Roman, der in die überschaubare Reihe glaubwürdiger und gleichzeitig spannender deutscher Jugendliteratur der Gegenwart gehört. Ohne reißerischen Habitus und ohne eitle Rechthaberei. Siggi Seuß

  • Günter Saalmann:

Zu keinem ein Wort!

Ein Kriminalfall; Der Kinderbuch Verlag, Berlin 1993; 198 S., 16,80 DM