Von Jan Feddersen

Um Mitternacht haben die deutschen Gäste im irischen Pub „Kitty O’Shea“ endlich auch musikalisch Oberwasser gewonnen. Dominierten bis dahin sowohl draußen auf der Veranda als auch drinnen im Schankraum noch Melodien spanischer („Eviva España“) oder angelsächsischer Provenienz („We are the Champions“), röhrt das Kneipenvolk zu vorgerückter Stunde einhellig „So ein Tag, so wunderschön wie heute“.

Der Ober hatte zuvor noch nie von dem deutschen Klassiker in Sachen Gemütlichkeit gehört, am Ende summt er mit. „It’s not too bad, but it’s very German“, sagt er und trägt eine weitere Lieferung Bier auf seinem Tablett in die Weite des Kneipenraumes. Es ist etwa gegen drei Uhr in Chicago, als sich alle Volksgruppen auf einen Schlager geeinigt haben: „Go West“, grölen sie so einvernehmlich wie friedlich – nach der Vorlage der Village People – „Go west for the German team“, manchmal auch, seltener allerdings: „Go west for the Spanish team“.

Was sich da im „Hilton“-Hotel, in dieser Burg von einer Herberge mit ihren mehr als tausend Betten, in Sichtweite des Michigansees, abspielte, war das inoffizielle Programm der Fußballweltmeisterschaft in den USA: Deutsche Fußballfans, auf Stippvisite auch Freunde der spanischen Mannschaft, waren zu Besuch, um die Spiele ihrer Lieblinge zu verfolgen.

Eine bunte Mischung aus Touristen, die sich auf den weiten Weg über den Atlantik gemacht haben, ist anzutreffen: Vertreter pharmazeutischer Firmen, Personalberater, Arbeitslose, Rentner, Makler, Supermarktverkäufer und Kfz-Schlosser, manchmal in Begleitung der Gattin, meist allein – in der Gruppe freilich gut aufgehoben. Wie sagte doch am Ende der Reise der 41 Jahre alte Verkaufstrainer Michael Hohmann aus Frankfurt: „Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Menschen von ihrer allerbesten Seite kennengelernt.“ Fußball eint oft, während einer gemeinsamen Teilnahme an einer WM tut er’s erst recht.

Mehr als 10 000 Deutsche kommen an diesem Dienstag in Chicago zusammen, gegeben wird im Soldier-Field-Stadion die Partie Spanien gegen die Bundesrepublik. Heiß ist es, Chicagos Ruf, sommers nicht allzu hohe Temperaturen aufzuweisen, verdirbt: „Ick schwitz’ mir hier den Buckel ab“, stöhnt einer und macht dabei ein sehr zufriedenes Gesicht. Schweiß sieht nach Arbeit aus, und Fußballfans arbeiten schwer, wenn sie ihre Helden unterstützen.

Während auf dem Spielfeld Rudi Völler, der Stürmerheld aller Deutschen, endlich eingewechselt wird, wird der Berliner aus dem Osten aktiv. Der Mann, der die gut 7000 Mark Reisekosten für zwei Wochen, „alles inklusive außer Trinkgeld“, seit „einem Jahr gespart“ hat, hat auf diesen Moment nur gewartet: „Ruuuudi“, ruft er mit seinen Gemeindebrüdern ins Rund. Was ihn besonders freut: Viele Amerikaner im Stadion stimmen mit ein.