Von Friedrich Prinz

Ein umfangreiches Werk liegt vor, das den Anspruch erhebt, die Anfänge der deutschen Geschichte darzustellen, ein klassisches, vielfach umstrittenes Thema. Die Illustrationen des Bandes sind – gemessen am gewachsenen Anspruch des "optischen Zeitalters" – sparsam, dafür aber wohlüberlegt. Man sieht vieles, was in gängigen Darstellungen bislang nicht gezeigt wurde.

Wendet man sich nun dem Text zu, so vermittelt er dem interessierten Laien sicher reiche Belehrung, es erheben sich aber auch schwerwiegende Fragen. Am besten gelungen ist der Abschnitt über die Karolingerzeit; hier wird insgesamt ein überzeugendes Bild geboten. Allerdings – und hier beginnen die Probleme – bleibt dieses Bild unvollständig. Am ehesten kann man noch verschmerzen, daß die Persönlichkeit Karls des Großen, seine Physis und sein Wesen, von dem wir – trotz Walter Berschins berechtigten Einwänden gegen Einhards Biographie – doch einiges sehr Konkretes wissen, nicht plastischer hervortritt. Das Bild des Kaisers bleibt, abgesehen von den wenig zuverlässigen Huldigungen poetischer Hofschranzen, seltsam blaß.

Gravierender ist aber, daß zwar von "Mißständen" in Karls Reich die Rede ist, ohne daß diese anschaulich würden. Dabei gibt es dafür Quellen von hohem Aussagewert, denn Karl nahm bekanntlich auf Reichstagen und Synoden kein Blatt vor den Mund: Er donnerte seine Grafen und Prälaten an, weil sie in der schamlosesten Weise nach Besitz gierten, die Bauern bedrückten und um Hab und Gut brachten, um sie einer relativen Freiheit zu berauben. Voll bitterer Ironie fragte er vor allem seinen Reichsklerus, ob diejenigen wohl wirklich nach dem Himmel streben, die unter der Vorspiegelung von Höllenstrafen Leute zu Schenkungen an die Kirchen und Klöster zu bewegen suchen. Herrschertum als soziale Aufgabe aus christlicher Verantwortung, das wäre ein großes Thema auch und gerade für den heutigen Leser gewesen, so wie es auch schon für Karl ein zentrales Anliegen war. Aber bei Fried bleibt dies alles – wenn es überhaupt zur Sprache kommt – in Andeutungen stecken.

Damit muß ein gravierender, sich durch das gesamte Werk hindurchziehender Mangel angesprochen werden, nämlich die Tatsache, daß Jahrzehnte intensiver gesellschaftsgeschichtlicher Forschung kaum einen Niederschlag gefunden haben und damit etwa neunzig Prozent derer, die das deutsche Volk ausmachten, so gut wie unberücksichtigt bleiben. Zwar sind manche der einschlägigen Werke etwa über die großen Fortschritte in der Siedlungsgeschichte im Literaturverzeichnis erwähnt – zum Beispiel die grundlegenden Arbeiten Herbert Jankuhns und seiner Schule desgleichen Publikationen über die Grundherrschaft (Ludolf Kuchenbuch, Werner Rösener), wo es vor allem um die Lebensbedingungen der Abhängigen im Frühmittelalter geht, aber nur wenig davon taucht im Text als verarbeitetes Wissen auf, und selbst das wenige bleibt oft in Gemeinplätzen stecken.

Dagegen huldigt der Verfasser einer in der deutschen Mediävistik weitverbreiteten Mode: einer hypertrophen Adelsforschung. Dies ist schon deshalb bedenklich, weil, aufs ganze gesehen, die Bedeutung der Kirche als geistige wie politisch-gesellschaftliche Macht – auch für die Entstehung Deutschlands – wesentlich größer gewesen ist als die des Adels. Damit soll nicht bestritten werden, daß zu allen Zeiten Forschungen über die jeweilige "politische Klasse" – bis hin zum Neofeudalismus kommunistischer Funktionsoligarchien – wichtig sind, aber man darf doch nicht, wie dies auch hier immer wieder geschieht, kritiklos oder auch nur der vielzitierten "normativen Kraft des Faktischen" huldigend die vom Adel des Mittelalters kräftig betriebene und kirchlich legitimierte Selbstinterpretation der eigenen Herrschaft einfach übernehmen. Woher kommen wohl die großen Bauernaufstände seit dem 9. Jahrhundert, die in den Quellen immer wieder auftauchen und deren Interpretation man fast ganz einer marxistisch orientierten Historiographie überlassen hat?

Eine Geschichtswissenschaft, die sich nur oder doch vornehmlich der Darstellung der weltlichen und geistlichen Oberschichten widmet, bleibt einäugig, das ergibt dann bestenfalls eine Geschichte der deutschen Herrenschicht, aber kaum des deutschen Volkes. Sicher ist es leichter, über den Adel zu forschen, da hier aus verständlichen Gründen die Quellen reicher fließen, während man sich bei Forschungen über die Unterschichten mit großer Mühe aus Rechtstexten, grundherrschaftlichen Güterverzeichnissen, Schenkungsurkunden et cetera die wissenswerten Tatbestände herausfiltern muß. Die lange Diskussion um die "Freien" im Mittelalter ist dafür ein Beispiel.