Von Antonella Romeo

Rom

Von der in Europa vielgefürchteten "neofaschistischen" Partei ist in Italien nicht die Rede. Hier heißt sie seit 45 Jahren MSI, Movimento Sociale Italiano, und hat sich seit vergangenem Jahr – im Zeichen der allgemeinen Erneuerung – den zusätzlichen, neuen Namen Alleanza Nazionale gegeben. Manche Italiener finden die Befürchtungen im Ausland völlig übertrieben. So schreibt zum Beispiel Daniela G., 21 Jahre, in einem Leserbrief an den Secolo, die Zeitung der MSI: "Ich kann wirklich nicht verstehen, wieso es so viel Feindseligkeit gegenüber der Alleanza Nazionale gibt – und das gerade in einer so schwierigen Zeit, in der eine .autoritäre Demokratie’ nur gut für unser Land sein könnte. Ich glaube, daß es nur mit Strenge möglich sein wird, Italien von den Parasiten, die uns heimgesucht haben, zu entwesen... Die wahre Diktatur haben wir bis vor kurzem erlebt und nicht während des Zweiten Weltkrieges. Leider haben nur wenige das verstanden."

Daniela G. ist ein Mädchen, das verstanden hat – so überschrieb die Redaktion des Secolo den Brief. Tatsächlich drückt Daniela die Stimmung jener Italiener aus, für die fünfzig Jahre Demokratie hauptsächlich Plünderung durch die Parteien bedeutet haben; für sie ist die Alleanza Nazionale (AN) die einzige Partei, die am alten System nicht beteiligt war und deswegen mani pulite, saubere Hände, vorweisen kann. AN-Führer Gianfranco Fini, der ehemalige Journalist, der in den Kolumnen des Secolo das politische Handwerk gelernt hat, spricht freilich nicht von "autoritärer Demokratie". Viele der 5,2 Millionen Wähler (13,5 Prozent der Stimmen), auch der Gewählten überall im Land sind rechter oder verwirrter als ihr Vorsitzender.

Im Fernsehen stellt sich die MSI/Alleanza Nazionale stets nur in einer Figur dar: Fini. Der 42jährige, elegant und eloquent, bemüht sich um Vertrauen. Er schreit nie, wenn er die Stimme gegen politische Gegner erhebt, er ist moderat, und er gefällt den Frauen. "Es ist, als ob die Partei; plötzlich nicht mehr aus ihren Werten, ihrer Ideologie, ihren historischen Bezügen bestünde, sondern nur noch das Abbild von Fini wäre", sagt der Politologe Piero Ignazi, der das einzige wissenschaftliche Buch über die MSI geschrieben hat ("II Polo escluso", II Mulino, Bologna).

Gianfranco Fini verbringt viel Zeit damit, die ausländische und die italienische Presse davon zu überzeugen, daß er die Demokratie nicht in Frage stellt. Er sei kein Neofaschist. Er habe nur gesagt, daß Mussolini einer der wichtigsten italienischen Staatsmänner gewesen sei und daß es Italien 1938 viel besser als 1922 gegangen sei. Vor 1938, als das Italien Mussolinis mit Hitler-Deutschland eine Achse bildete und auch Rassengesetze verabschiedete, sei der Faschismus in Italien Konsens gewesen und von der ganzen Welt als interessantes Phänomen betrachtet worden. Es stimme nicht, daß der Faschismus insgesamt negativ gewesen sei, sagt Fini und fügt hinzu, daß seine Partei auf keinen Fall irgendeine Art von Faschismus wieder errichten wolle.

Das Programm der Partei gibt ihm recht: Die Alleanza Nazionale will eine direkte Demokratie, in welcher der Präsident vom Volk gewählt wird. Von einem Volk, in dem die Familie der Kern ist, in dem die Kinder von heterosexuellen Eltern katholisch erzogen werden und im Bewußtsein aufwachsen, einer international geschätzten Nation anzugehören. Einer Nation, die es als patriotische Pflicht betrachtet, ihre Interessen zu verfolgen; in der Multikulturalität ein Störfaktor ist und deshalb die außer Kontrolle geratene Einwanderung gestoppt werden müsse: Die Ausländer hätten ein Recht auf ein würdiges Leben am besten in ihrem Heimatland, in das die Europäische Union investieren solle...