Wir sind bekannt dafür, daß wir uns gern mit uns beschäftigen: Haben wir eine deutsche Identität? Sind wir gute Demokraten? Wie gehen wir mit unseren Vergangenheiten um? Wolfgang Thierse hat kürzlich zu Recht gemäkelt, daß bei uns häufiger auf Grund von Emotionen als auf der Basis von Fakten geurteilt werde.

Es gibt ein Buch, das helfen kann, diesen Mangel zu beheben, das emotionslos Fakten und ihre mannigfaltigen Interpretationen liefert.

Vor fünfzehn Jahren haben Martin und Sylvia Greiffenhagen diese Bestandsaufnahme schon einmal vorgelegt. Vieles hat sich seitdem verändert; schwierig ist das Vaterland aber offenbar geblieben, in mancher Hinsicht sogar schwieriger geworden.

Der vorliegende Band ist eine bedächtige, unter zahlreichen Vorbehalten verfaßte Neubewertung unserer politischen Kultur. Es geht um unser heikles Verhältnis zur Nation, um die Frage, ob nicht „Systemunzufriedenheit mindestens so wichtig ist wie Nationalstolz“. Es geht um den Bürger und seinen Staat: „,Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole’ ist bis heute in Deutschland ein Delikt, das mit bis zu drei Jahren Haft bestraft wird. In anderen Staaten würde dies lächerlich wirken.“ Es geht, wie schon 1979, um den „Wertewandel“, um die Entwicklung von einer materialistischen zu einer postmaterialistischen Gesellschaft: „Die Chancen, im Berufsleben postmaterialistische Bedürfnisse zu befriedigen, sind in Deutschland weniger groß als in anderen Ländern. Nirgends sonst ist das Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeitern so distanziert und kühl wie bei uns.“

Und es geht um die „Neuvereinigung“ der beiden deutschen Staaten, um das neue Deutschland, in dem auseinanderdrängt, was zusammenwachsen soll. Beschrieben wird zum Beispiel die Rolle der Kirchen, der Parteien, der Familie, des Fernsehens – als Sozialisationsfaktoren, als Agenten dessen, was die politische Kultur ausmacht. Thema ist auch die „Politikverdrossenheit“, dieses unvermeidliche Schlagwort der frühen neunziger Jahre.

Ging es 1979 noch darum, die Furcht vor einer linken Gefahr zu bannen, so ist heute die rechte Gefahr das eindeutig wichtigere Thema und wird von den Autoren nicht am Rand der Gesellschaft, sondern mittendrin ausgemacht. „Rechtsextreme Gewalt: Ein Problem der politischen Mitte?“ fragen sie und zitieren das Bild von Habermas, der den Rechtsextremismus als Kern bezeichnete und die Frage nach der schützenden Schale stellte.

Das Buch ist eine Fundgrube für jeden, der sich über dieses Land und seine Bewohner informieren möchte, um nicht zu denen zu gehören, die „mit ihren partizipatorischen Ansprüchen über die Verhältnisse ihrer politischen Bildung“ leben. Gabriele von Arnim