Von Susanne Etzold

Die elfjährige Jennifer sitzt auf der braunen Araberstute Daffa, läßt die Füße baumeln und blickt besorgt voraus zu der Ecke, an der die Reitbahn eine Linkskurve nimmt. Dort scheut Daffa jedesmal. Mehr passiert nicht, das Pferd wird von einem jungen Mann fest am Halfter geführt. Aber wenn man wie Jennifer – wir nennen sie einfach so – nur auf einer Felldecke sitzt und zum Festhalten allein die Pferdemähne hat, dann wird es doch ganz schön wackelig.

Jennifer lernt Reiten. Vor allem aber lernt sie gerade das Rechtschreiben. Sie ist Legasthenikerin und von schweren Lern- und Verhaltensstörungen bedroht. Hier, auf dem Gelände der Domäne Dahlem, wird sie nun im „Pferdeprojekt“ gemeinsam vom Berliner Legastheniezentrum und dem Psychologischen Institut der Freien Universität therapiert. Reiten als Therapie, als Heilmethode wird inzwischen oft angewandt, in der Psychiatrie wie bei Multiple-Sklerose-Patienten. Aber Reiten als Lese- und Rechtschreib-Hilfe? Das ist in Deutschland bisher einmalig.

„Mit Reiten hat das alles wenig zu tun“, beantwortet Siegfried Schubenz, Professor am Psychologischen Institut der FU und Urheber des Pferdeprojekts, erstaunte Fragen. Legasthenie bedeute nicht einfach, nicht richtig lesen und schreiben zu können; dahinter verberge sich vielmehr eine Sozialstörung, die in schweren Fällen den Lebensweg der Kinder gefährde.

Aber was haben die Pferde dabei zu tun? „Pferde“, so lautet die These von Siegfried Schubenz, „sind ein Sonderfall von Tieren. In der psychologischen Therapie eingesetzt, schaffen sie Anlässe zu vielfältigem sozial eingebundenen Körperkontakt. Sie tragen die Kinder zudem, womit sie gegenüber Hund und Katze mehr Kontakt bieten.“ Pferde sind beim Therapieren aber nicht nur besser als Hund und Katze, sondern manchmal sogar erfolgreicher als Menschen.

Denn welcher menschliche Therapeut ließe sich schon striegeln, streicheln und am Strick durch die Gegend ziehen wie sein vierbeiniger Kollege? Alf der Domäne, wo das psychologische Fachchinesisch des Professors sehr handfest in die Praxis umgesetzt wird, wird schnell klar, daß nicht jedes Pferd zum Therapeuten geschaffen ist. Starke Nerven muß es haben, eine hohe Reizschwelle und eine große Portion Menschenfreundlichkeit All diese Eigenschaften verkörpern die Dahlemer Pferde in hohem Maß, weil sie hier noch natürlich leben und normal reagieren können: im Herdenverband mit Hierarchie, mit Weide, Offenstal und freiem Auslauf, anders als die meisten ihrer Artgenossen, die in den verrammelten Boxen der Reitställe selbst zu Therapiefällen werden.

Wenn die Großstadtkinder, im Psychologenjaigon „Klienten“ genannt, verzappelt, fahrig, mitunter so dreist wie verängstigt ihre erste Berührung mit dem Pferd haben, dann gibt es schon mal blaue Flecke – auch auf der Seele. Denn die temperamentvolle Araberin Kira keilt aus, wenn ihr Blanche ohne Vorwarnung von hinten auf die Flanke haut, und Kaiila steigt hoch, wenn Jennifer ihr wieder mal, vor Aufregung quietschend, vor der Nase rumfuchtelt. Oliver hat einige schmerzhafte Erfahrungen hinter sich, ehe er sich merkte, an welchem Huf Divina besonders empfindlich ist. So lernen die Kinder dann ganz von allein, woran es ihnen im Alltag immer wieder fehlt: Obacht zu geben, sich zu konzentrieren und zu beherrschet, sich in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen, absolute Ordnung und Disziplin zu halten – und vor allem, das eigene schwierige Ego eine Zeitlang zu vergessen.