Auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo im September werden die Vertreter der Industrienationen den verstärkten Einsatz empfängnisverhütender Mittel für die vier Fünftel der Menschheit fordern, die in den Entwicklungsländern leben. Daß wir jedoch keinen Anlaß haben, den Zeigefinger auf die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu richten, macht das Buch von Klaus M. Leisinger, dem Leiter der Ciba-Geigy-Stiftung für Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern, deutlich.

Das Bevölkerungswachstum ist für Leisinger kein isoliertes Phänomen: Über 360 Seiten umfassen Darstellung und Analyse von weltwirtschaftlichen bis zu internen Einflüssen auf die Geburtenrate der Entwicklungsländer. Wer bisher annahm, Armut sei Folge vieler Kinder, muß umdenken: Leisinger zeigt, daß es in jenen Ländern eine niedrige Geburtenrate gibt, in denen Bruttosozialprodukt und Lebensqualität relativ hoch und Kindersterblichkeit relativ niedrig sind. Armut ist die Ursache für Kinderreichtum.

Um die Zukunft zu sichern, ist für Leisinger ein globaler Kurswechsel unerläßlich. Der hat von den Industrienationen auszugehen. Schließlich sind sie verantwortlich für die ökologischen Lasten. Geringeres Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern muß einhergehen mit geringerem Konsum in den Industrieländern.

„Was wir diskutieren“, so Leisinger, „ist die Einschränkung des Menschenrechts auf Weitergabe des Lebens.“ Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Die wesentlichen Bestandteile einer Entwicklungspolitik, mit deren Hilfe die Geburtenrate ethisch vertretbar gesenkt werden könnte, sind, schon lange bekannt: „1. Grundbedürfnisbefriedigung und Partizipation, 2. Gesellschaftliche Veränderung zugunsten von Frauen und 3. Förderung eines angemessenen gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses.“ Hier sind verstärkte Anstrengungen der Industrieländer nötig.

Bevor deren Delegationen in Kairo den Verzicht auf Kinder einfordern, müssen wir uns fragen: Nehmen wir unsere ökologische, wirtschaftliche und soziale Weltverantwortung angemessen wahr? Auf den, der mit dem Finger auf andere zeigt, weisen drei zurück, so das Fazit des Buches: Nur gemeinsam können Nord und Süd die anstehenden Probleme lösen. Wenn heute alle 5,4 Milliarden Menschen so lebten wie das Fünftel der Weltbevölkerung in den Industrieländern, richteten wir unsere Umwelt zugrunde. In vierzig Jahren wird es rund zehn Milliarden Menschen geben. Leisinger zeigt die überlebenswichtigen Probleme auf. Sage keiner, er hätte nichts gewußt.

Peter Schmitz

  • Klaus M. Leisinger: