Neulich in einem dieser Buchhäuser vor so einem brusthohen Turm aus Politiker-Büchern, Zu Fragen der Zeit. Schröder und Scharping, Kohl, Weizsäcker und Schäuble, alle sind dabei, sauber eingeschweißt, brisant. Und vor allem: Wie unsere Buchhändler immer noch diese wunderbare alte Kunst des Bücherstapelns beherrschen, das ist nämlich gar nicht so einfach!

Andererseits bloß keine Ignoranz, hier lockt stets ein pralles Themen-Euter: Politik und Literatur, Macht und Geist, Stumpf und Stil. Minister und Präsidenten, selbst leibhaftige Kanzler („Reden und Gespräche“) als dichtende Denker – da lassen sich ganz wesentliche Beobachtungen machen, da zischt der Diskurs ganz tutzingmäßig in den Eimer... Wenn man einmal davon absieht, daß kaum einer der da oben Genannten das selber schreibt. Oft steht sogar vorne drin, ganz freimütig, welcher arme Griffelsklave das Werk tatsächlich verfaßt hat („in Zusammenarbeit mit“); denn literarischer Ehrgeiz ist wohl der einzige Ehrgeiz, der den Bonner Herren völlig fremd zu sein scheint.

Bedauerlich. Bedauerlich?

Der famose französische Tratscheur Gedeon Tallemant des Réaux (1619 – 1692) berichtet in seinen „Histörchen“, wie der mächtige Kardinal Richelieu, unter König Ludwig XIII. zum wahren Herrn Frankreichs aufgestiegen, zeitlebens von dem Wahn gequält wurde, er sei ein verkannter Dichter („Als er eines Tages mit dem Schriftsteller Desmarets hinter verschlossenen Türen zusammensaß, fragte er ihn: ‚Woran habe ich Eurer Meinung nach wohl das größte Vergnügen?‘ – An der Arbeit für das Glück Frankreichs’, antwortete Desmarets. ‚Ganz und gar nicht‘, erwiderte der Kardinal, ,sondern am Versemachen’“).

Einmal, erzählt Tallemant, habe Richelieu unter heftigen Wehen ein Drama hervorgebracht („Er war rasend eifersüchtig auf Corneilles ‚Cid‘“), das er zur Begutachtung einigen seiner Schranzen anvertraute. Natürlich drückten sich alle um das vernichtende Urteil herum. Erst als der Kardinal ins offene Messer zu laufen drohte, dem Spott des ganzen Hofes preisgegeben, rang sich ein Beherzter zu einigen Anmerkungen durch, die vom Autor dahingehend interpretiert werden mußten, daß sein genialer dramatischer Gedanke sich trotz höchsten Bemühens der adäquaten Gestalt noch entzogen hatte... Und ganz der große Mann, der er war, ganz das Denkmal seiner selbst, erklärte Richelieu sein Werk für eine nichtige Spielerei und zerriß es vor aller Augen mit souveräner Gebärde. Doch kaum war die Nacht über Paris hereingebrochen und alles hatte sich zur Ruhe begeben, ward Eminentissimus dabei beobachtet, wie er in seinem Bett heimlich die Blätter wieder zusammenklebte.

Welch eine Leidenschaft! Welch eine wundervolle Geschichte – wer wäre da nicht gern dabeigewesen!

Obwohl: Frankreich im 17. Jahrhundert, das war kein Zuckerschlecken, so für den normalen Menschen und Untertan. Gestern Pest und morgen Cholera und immer wieder Krieg und Hungersnot und Hungersnot und Krieg. Und der Herr von Richelieu, wie in jedem Geschichtsbuch nachzulesen, war auch nicht mehr als ein Despot, brutal und abgefeimt. Aber das kennt man, das hat man oft, quer durch die Jahrtausende hindurch: Morden und die Leier schlagen, von Nero bis Karadžić, dem blutigen Lyriker.