Hans Henny Jahnn: Den Namen des vor hundert Jahren geborenen Schiffsbauersohnes aus Stellingen bei Hamburg sprechend, sieht man Wolken treiben, Felsen sich türmen, Bohlen sich biegen, Nebel zerfließen, erdhaft plumpe Gestalten als Schatten über die Szene wanken, hört man den Wind der Ewigkeit brausen.

So beginnt auf Siegfried E. Mayers Bühne (rohe Holzbretter, an den Rändern mächtige Findlinge), zur dröhnenden Musik von Serge Weber, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg Harald Clemens Inszenierung von Jahnns Drama in vier Akten von 1933 „Armut, Reichtum, Mensch und Tier“. Aha, denkt der Zuschauer, wenn auf der dunklen Szene ein Troll und die „Erscheinungen“ von Selbstmördern ihr Palaver beginnen – aha, hier wird in Jahnns Jubeljahr die Schaubühne zum öffentlichen Schlafsaal.

Nichts da. Die gar nicht dumpfe, sondern helle, bei aller tragischen Düsternis auch heitere Aufführung läßt sich ganz ruhig auf den archaischen Märchenton der Fabel ein. Ein Ensemble junger Darsteller hat den Mut, eine alte Geschichte neu zu erzählen.

Auf den ersten Blick: eine Moritat aus der Bergeinsamkeit norwegischer Einödhöfe vor langer Zeit (gebrochenes Eheversprechen, Schwangerschaft der nicht verheirateten Magd, Kindesmord, Erpressung, Vergewaltigung.

Wie stets bei dem ekstatischen Sprach-Titan Jahnn, dessen wilde Bilder, dunkle Sätze seine Herkunft aus den Aufbruchsjahren des Expressionismus nie verleugnen, sind Brunst der Leiber, Liebe zum Tier, Sinnenglut und Todverfallenheit, Lebensgier und Leiden am Dasein die wahren, die ewigen Themen. „Kaltes Glühen“, „eisiges Feuer“: mit widerspruchsvollen Formulierungen versucht Jahnn die Allgewalt des Lebens zu bannen, die sein Werk zerreißt in Aufschwünge der Poesie und Abstürze in Banalität.

So beschreibt eine junge Frau im Sterben das Verlangen der Nebenbuhlerin nach dem Mann, der bald Witwer sein wird: „Er ist ihr wilder als ein junger Bock und schöner als ein Wald und keusches Wasser. Beladen mit Pracht und dunkler Weisheit.“ Die Trolle aber, die Naturgeister? Parlieren vornehm rational wie im philosophischen Seminar: „Die Abwechslung ist das kostbarste Gut der Zeit... Ihre Geschichte? Zwar, wir kennen sie schon. Aber wir hören auch die Wiederholungen mit Vergnügen.“

Harald Clemen und seine Mit-Leser aus der Dramaturgie (Judith Gerstenberg, Wilfried Schulz) erschließen den Text des erst 1948 uraufgeführten, seither fast verschollenen Dramas aus den vielen, verschiedenen, widersprüchlichen Sprachschichten. Aus dieser von Mythen und Symbolen raunenden Mär ein psychologisierendes Familiendrama zu machen verbietet sich. Die Hamburger setzen aber auch nicht auf archaische Stilisierung, auf Ewigkeitsbilder von Mensch und Tier, Natur und Schicksal. Clemen und sein Ensemble vertrauen einem Realismus der alltäglichen Erfahrung.