KÖLN. – Ganz sicher ist er der belebteste deutsche Platz: das Viereck zwischen Bahnhof, Römisch-Germanischem Museum, dem „Café Reichard“ und McDonald’s. Über vierzig Millionen Menschen überqueren im Jahr, was die Kölner ihre „Domplatte“ nennen, einen mit häßlichen Kunststeinen gepflasterten, von scheußlichen Beton-Souvenirläden gesäumten und von Architektensünden der sechziger Jahre umstellten Platz. Aber was macht diese Umgebung schon, steht er doch mittendrin: der Dom. Ihn besingen die Kölner zwar sehr gern („mer lasse de Dom in Kölle“), würden ihn derzeit aber am liebsten einpacken und verschenken. Denn seine Anziehungskraft geht den Kölnern über ihr ansonsten geselliges Maß.

Zu ihm hingezogen fühlen sich außer den gerngesehenen zahlungskräftigen Touristen nämlich auch alle Arten von Selbstdarstellern, Weltverbesserern und Müßiggängern. Im Sommer gleicht der Domplatz einem riesigen Freilufttheater voller Gaukler, Pantomimen und Musikanten.

Wo wird am effektivsten hungergestreikt? Wo am schönsten pflastergemalt? Wo am gewinnbringendsten passantengebettelt? Und wo am riskantesten skategeboardet? Selbstverständlich vor dem Kölner Dom. Und weil Obdachlose auch wissen, warum es am Rhein so schön ist, lagern sie auf der Domplatte ihr Haupt. Mal 30, mal 120 Obdachlose nächtigen derzeit im Mondschatten der mächtigen Kirche.

Einer von ihnen, der obdachlos gewordene Lehrer Walter Hermann, tut dies bereits seit über drei Jahren in einer Hütte aus Pappkartons und Plastikplanen, direkt neben dem Petrusportal. Vor seinem Bau baumeln Hunderte von beschrifteten Kärtchen, an Fäden aufgereiht im Wind, auf denen Touristen, Passanten, Obdachlose ihre friedvollen Gedanken hinterließen. „Hay“, steht da beispielsweise, „ich bin die Angela und hasse Krieg und Nazis“, oder meint etwa Sandra: „Jeder Mensch braucht Lebensmittel: Brot, Käse, Liebe“. Viel ist auf den Pappdeckeln von Kinderaugen, Blumen und Sonne die Rede und davon, daß der Mensch dem Menschen Mensch sei. Die lustige Klagemauer ist längst ebenso häufiges Photomotiv japanischer Touristen wie der Dom selbst; Schulklassen halten sich länger vor den bunten Täfelchen auf als vor der Mutter Gottes im Kirchenschiff.

Daran stößt sich manch einer und vor allem der Haus- und Grundbesitzerverein, der sich in der sympathisch-chaotischen Stadt als Ordnungsfaktor begreift. „Geschmacklos und widerlich“ sei diese „Klagemauer“ und schnellstens abzuräumen, fordert dessen Vorsitzender. Heftig nickt bei solchen Sätzen der gestrenge Dombaumeister Arnold Wolff mit dem Kopf.

Köln hat also ein Problem. Wie in der Domstadt in solchen Fällen üblich, spricht man darüber, löst es aber nicht, und alle sind zufrieden. Völlig überraschend ist es deshalb, daß nun die Stadtverwaltung handeln will. Nachdem die Domherren Anfang Juni sich die Unrechtmäßigkeit der „Klagemauer“ vom Landgericht bestätigen ließen, rückten dieser Tage die städtischen Saubermänner mit Spritzen und Bürsten an, um die Obdachlosen von der Platte wegzuputzen. Durch die „Naßreinigung der Lagerplätze“ sollte die Szene „verunsichert“ und „aufgelöst“ werden: Unser Dorf soll schöner werden.

Diese Gangart der Verwaltung konnten die Deutschen am Bildschirm mitverfolgen: In den „Tagesthemen“ ausgestrahlt, zeigten Filmaufnahmen Polizisten beim rüden Einsatz gegen einen Obdachlosen im Rollstuhl. Jupp, beinamputierter „Wächter der Klagemauer“, wurde in Handschellen abtransportiert.