Von Klemens Polatschek

Wann immer Bewohner ferner Sonnensysteme in den vergangenen Jahrzehnten unseren Planeten besuchten, konnten sie im Raum Deutschland erhebliche Geschäftigkeit bemerken. Oft staunten sie, wie sehr dieses Land vor Erfindungskraft strotzte. Zuweilen schien es nur eine Frage von Tagen zu sein, bis ein deutscher Ingenieur das Patentamt in München betreten und auch noch eine Zeitmaschine oder einen Raumtunnelbohrer als Verkaufsschlager des Universums zur Registrierung bringen würde.

Dies Vertrauen ist den Außerirdischen in letzter Zeit abhanden gekommen, und den Deutschen auch. Mitten im Krisenjammer der Rezession taten sich das Struktur- und das Innovationsloch auf, welches sicherlich das schlimmste von allen ist, denn wer heute nicht erfindet, was er morgen verkauft, nagt übermorgen am Hungertuch.

Zumal wenn man von weit her kommt, liegt die Frage nahe: Wie soll das alles weitergehen?

Obernburg in Unterfranken ist ein Platz im Herzen Deutschlands, ein bescheidener Kringel auf den Karten. Historische Altstadt mit Wehrtürmen. Römermuseum. Einer der Autobahnarme des Großraums Frankfurt und der Main führen mitten durchs Siedlungsgebiet; der Einheimische, der Straße und Fluß auf einem sich bei Nieselregen erheblich dehnenden Steg überwindet, um von Elsenfeld Anschluß ans öffentliche Verkehrswesen zu finden, gewinnt viel Muße zum Nachdenken über den Standort Deutschland.

Der größte Gewerbesteuerzahler in Obernburg ist die Maschinenfabrik Reis – am Telephon kurz "Reis Robotics" –, ein ob seiner Erfindungsgabe gerühmter mittelständischer Betrieb. Eberhard Kroth ist seit wenigen Wochen Geschäftsführer des Unternehmens. Vor acht Jahren hat er promoviert und als vollbärtiger Software-Entwickler bei Reis angefangen, wovon ein verschmitzter Schnurrbart noch ferne kündet. Unkompliziert ist er geblieben; man wird nicht schnell einen Mann finden, der mit so viel uneitler Freude seine Arbeit und die rund um ihn herzeigt.

Kroth stößt die Schwingtür zur Testhalle hinter dem Verwaltungsgebäude auf. Im zarten Werkstattduft von gutgeschmierten Gelenken, frischem Lack und feinen Metallspänen üben neugeborene Industrieroboter. Ein SRV 6 für rund 70 000 Mark aus der aktuellen Standardserie von Reis verrenkt mehrfach seinen knallroten Arm, drückt sacht den Knopf einer Meßuhr und wird das im Lauf der Nacht noch tausendmal wiederholen. Am Morgen wird jemand ablesen, ob der Roboter dabei einmal gewackelt hat.