Kaum eine Werbung kommt aus ohne menschliches Gesicht. Und kaum ein menschliches Gesicht kommt aus ohne Werbung, sei es in Form von Lippenstift, Lächeln, Grimasse, Rasur oder Frisur. Das Gesicht ist die Werbefläche des Individuums, seine Schnittstelle für Public Relations. Kein Wunder, daß Werbung eine Parade von Gesichtern ist.

Das Chanel-Lippenstiftbild ist sonach Werbung für ein Mittel der Werbung. Dieser zum Kreis geschlossene Verweisungszusammenhang rotiert um jenen Balken, der das Bild von seiner Schrift trennt. Ohne das Wort „Lippenstifte“ wüßte man schwerlich, wofür hier geworben wird, da Lippenstift der selbstverständliche Bestandteil beinahe eines jeden Werbebildes ist. Gegen die Selbstverständlichkeit des beworbenen Werbemittels Lippenstift kämpft das Chanel-Bild an. Es muß das Allgemeine zum Besonderen machen. Sich zu diesem Zweck der Hervorhebung des Mittels der Reduktion zu bedienen liegt nahe, doch darf das Weglassen von allem Nichtgemeinten nicht so weit gehen, nur den Lippenstiftmund zu zeigen. Das wäre banal, eine reine Produktabbildung ohne Kontext, ohne Charme, ohne Verführung.

Chanel findet einen Kompromiß: Um den Preis eines Auges gewinnt der Mund an Gewicht, durch die Umkehrung des Gesichts rückt er ins Bildzentrum. Der in die Augenposition verschobene Mund wendet sich gleichsam blickend dem Betrachter zu. Das hinabgewanderte Auge wird durch seine Vereinzelung zu einem Mund. Das Bild erinnert uns daran, daß der Mund nicht nur der Nahrungsaufnahme und dem Sprechen dient, sondern jenseits aller Dienstbarkeiten auch noch ein souveränes Objekt sein will für ein lüstern-gefräßiges Auge, für einen begehrenden Blick.

Die Umkehrung der Positionen von Auge und Mund fängt nicht nur die Aufmerksamkeit ein, sie thematisiert die beiden isolierten Organe vor allem in ihrem Verhältnis. Wäre nicht das Auge mundhaft, könnte es den Anblick niemals begehren und verschlingen. Doch auch der Mund besitzt Qualitäten des Auges: Wie dieses ist er kein bloß empfangendes, sondern auch ein aktives Organ. So, wie das Auge nicht nur sieht, sondern auch blickt, so kaut der Mund nicht nur, er spricht auch und ist selbst stumm noch beredt.

Das Gesicht ist jener Körperteil, der – obwohl unbekleidet – nicht nackt wirkt: eine Repräsentationsfläche des Körpers. Als Spiegel der Seele und des ganzen Menschen hat das Gesicht die Funktion des Zeigens. Es ist – auch ungeschminkt – für den Blick des anderen bestimmt. Das selbstbeherrsclhte ruhige Gesicht sagt nicht nichts, sondern signalisiert ein Höchstmaß am Möglichkeit zu jedwedem Ausdruck. Daß das Gesicht ein Kommunikationsorgan ist, wird von der Schminke unterstrichen.

Die gepuderte Haut wird zu einem Blatt Papier, zum optimal kontrastreichen Untergrund für die Einschreibung bedeutender Linien und Zeichen. Die Maske verbirgt nichts, sondern zeigt und interpretiert, was ein Gesicht von einem Stück Körper unterscheidet. Das Gesicht ist immer schon Maske; Schminke legt dies offen. Indem sie beteuert, bloße Hülle zu sein, erzeugt sie die Idee eines Dahinter, das nicht das Fleisch wäre, sondern die Person.

Schminke ist eine Tarnung, die dem Zeigen eines Unsichtbaren dient: der Seele. Da die Seele allemal auf Freiheit besteht, will sie nicht gerade an jenem Ort mit den Zufälligkeiten der Natur geschlagen sein, wo sie zum Ausdruck kommen will. Darum vermuten Feministinnen im Schminken ganz zu Unrecht ein Instrument männlicher Unterdrückung. Indem das Gesicht mittels Schminke reflexiv sein Gesehenwerden bewußtmacht und in Regie nimmt, ist es Darstellung des Willens, der (Inter-)Subjektivität und Freiheit.