Von Ulrich Schiller

Luft anhalten, Sportsfreunde! Wenn das so weitergeht, wird der World Cup, die Fußballweltmeisterschaft, zur amerikanischen Erfolgsstory des ausgehenden Jahrhunderts. Cuperfahrene Reporter rühmen und preisen schon jetzt Organisation und Platzverhältnisse – dieser Rasen! –, und Besucher aus aller Welt sind voller Lob und Staunen, mit welcher Begeisterung, fröhlich, naiv und ohne jede Spur von Aggressivität, amerikanische Zuschauer die Spiele feiern.

Internationale Resonanz ist wichtig, gewiß, sehr wichtig sogar. Doch ist sie nicht die Hauptsache. Mehr ereignet sich in diesem Sommer. Soziologen und Anthropologen, Demoskopen zumal werden noch oft auf ihn zurückkommen... wenn das so weitergeht! Denn dann wird der World Cup 1994 Amerika verändern. Nichts weniger als dies. Er wird den Soccer und die Fähigkeit zum Fußballfieber dann endlich auch in der amerikanischen Seele nisten lassen und eine Nation, ja einen Kontinent an einem zentralen Lebensnerv anrühren. Mit ungeahnten Folgen.

Dann werden liebgewonnene Fernsehgewohnheiten kippen, Werbezeiten die Besitzer wechseln, Latinos werden zu sozialen Aufsteigern gemäß ihrer Zahl, transatlantische Bande wieder von gemeinsamen Emotionen unterfüttert, und mit dem Ende der Fußballverweigerung der großen Mittelklasse, die die Einschaltquoten liefert, wird auch die letzte Bastion des amerikanischen Isolationismus geschleift werden.

Das Spiel gegen Kolumbien! – als wär’s ein Stück Schöpfungsgeschichte gewesen. "Der erste Sieg einer amerikanischen Fußballmannschaft in einem World-Cup-Spiel seit 1950", jubelte die Washington Post im Aufmacher Seite eins. "Amerikaner schocken Kolumbien und die Welt", schreit eine Balkenüberschrift. Erinnerungen werden zelebriert, Erinnerungen, die plötzlich Symbol sind, weil es doch 1980 beim olympischen Eishockey in Lake Placid mit dem sensationellen Sieg über die Sowjets ein "Wunder auf dem Eis" gegeben hat und weil doch das 2:1 über Kolumbien den Durchbruch zur Anerkennung und zu einer richtigen Liga und, versteht sich, auch den Durchbruch in die Scheckbücher hochmögender Sponsoren bescheren wird – selbst wenn es danach dieses unglückliche 0:1 im letzten Gruppenspiel gegen Rumänien gab: Das US-Team hat sich unter den Großen behauptet.

Hoffnungen und Stoßgebete der amerikanischen Fußballfans schießen in den Himmel. Und in der Tat: Schon nächstes Jahr soll eine Oberliga in zwölf Städten gestartet werden. Eine Art Jugendliga hat sich in Atlanta etabliert; sie will 1995 in vierzig Städten zu Hause sein. Ihr Name: Soccer in the Streets. Nomen est omen. Auf den Straßen und (Schul-)Sportplätzen der Nachbarschaft spielen die Kids ja schon lange und "wetzen die Kulle", wie das zu unserer Zeit so hieß. Ihrer sechzehn Millionen sollen inzwischen gezählt worden sein.

Andererseits: Man weiß natürlich, worauf noch Politiker aller Generationen ihre Wahlkämpfe bauen, wie schnell Amerika vergißt. Wenn erst die schwergewichtigen Brummer des Profifootball mit Helm und Schulterpolster wieder übereinander und durch die Bildschirme stürzen, wenn der dumpfe Knall aufeinanderprallender Körper wieder zu hören ist, was die Soccer-Feinde, wie sie versichern, am Bildschirm jetzt so schmerzlich vermissen, wenn time outs und Station identification – sprich: Werbung – wieder Zeit geben, um das Bier abzugießen und neues nachzuschauen, wer weiß, ob die Masse der couch potatoes, der auf dem Sofa vor der Glotze sitzenden, Kartoffelchips oder Schweinerinde mampfenden Normalverbraucher nicht doch wieder wohlig zurückfindet in die heile Welt der dreieinhalb Sports. Eishockey nämlich zählt in der Popularität neben Football, Baseball und Basketball noch immer nur die Hälfte.