Eine schwarz umrandete Todesanzeige erschien im Kleinanzeigenteil der taz. „Vor sieben Jahren ist unsere Tochter Viviane Zoe durch eine Abtreibung ums Leben gekommen“, zeigen Mutter, Vater und Sohn Leo an, „nichts von dem, was wir heute hierüber denken und empfinden, kann ihren Tod ungeschehen machen.“ Öffentlich bekundete Trauer mit irritierend langer Zeitverzögerung, gleichzeitig nicht zu übersehende Anklage und Selbstbezichtigung. Gut zwanzig Jahre nach dem kollektiven Tabubruch der Frauen, „Ich habe abgetrieben“, eine Provokation mit umgekehrten Vorzeichen?

Erst nach internen Diskussionen, Rückversicherungen und persönlichen Gesprächen hat sich die taz zum Abdruck dieser Anzeige entschieden – wohl wissend, daß der Text eher zu selbsternannten „Lebensschützern“ paßt als in eine links-alternative Zeitung. Dem Votum für die publizistische Streitkultur folgte prompt das Gewitter auf der Leserbriefseite: wütende Reaktionen, die Drohung, das Blatt künftig keines Blickes mehr zu würdigen, wenn es weiterhin solche „frauenfeindlichen Gruselanzeigen“ drucke.

Die 37jährige Inserentin war bisher selbst taz-Leserin und hat jahrelang die Grünen gewählt. Im Bücherregal ihrer Berliner Altbauwohnung steht die linksfeministische Standardliteratur. Was ist dieser Frau geschehen, daß sie jetzt mit siebenjähriger Verspätung eine selbst gewählte Entscheidung nicht nur betrauert, sondern auch den Drang zum öffentlichen Schuldbekenntnis verspürt? Der Versuch, der Geschichte dieser beklemmenden Todesanzeige nachzugehen, führt an den Wohnzimmertisch von Dorothea Eiselt. Sie habe diese Anzeige gewollt, ihr damaliger Freund habe sie mit unterzeichnet. Ihr fällt es schwer, gegen die Tränen anzukämpfen.

Die Geschichte der Anzeige beginnt für Dorothea Eiselt im Jahr 1984. Da hat sich die junge Sozialarbeiterin gerade in einen vierzehn Jahre älteren, verheirateten Mann verliebt. Als sie schwanger wird, ist das für sie zunächst „ein Monatswitz“. Aber sie freut sich auf das Kind. Ihr Partner flüchtet sich zu anderen Frauen. Die Schwangerschaft erlebt Dorothea Eiselt als „Besiegelung meiner Auslieferung“. „So etwas“, schwört sie sich, „läßt du dir nie wieder gefallen.“ Als Sohn Leo kaum zwei Jahre ist und sie sich gerade freigestrampelt hat, wird Dorothea Eiselt wieder schwanger, vom selben Mann. „Mir war sofort klar: nein, mit mir nicht mehr. Ich hatte ein Gefühl zu dem Kind: Entweder du oder ich, einer von uns geht über den Jordan, und ich bin es diesmal nicht.“ Nach dem Schwangerschaftsabbruch fühlt sie sich „unheimlich erleichtert. Ich war wieder ich selbst.“

Durch einen Zufall, so sagt Dorothea Eiselt, habe die Vergangenheit sie jetzt wieder eingeholt. Sie bekam das Buch in die Finger, in dem die Schriftstellerin Karin Struck den eigenen Schwangerschaftsabbruch als Trauma beschreibt. Das Buch sei „wie eine Tür gewesen, die aufgeht. Ich habe mich sofort in die Schuld gestellt gesehen: Ich habe einem Menschen das Leben genommen.“ In ihrer Rückschau sind die letzten sieben Jahre nun plötzlich mit der Abtreibung verquickt: daß sie seitdem kein Tagebuch mehr geführt hat, daß sie sich in eine Beziehung zu einem schwerst alkoholabhängigen, gewalttätigen Klienten verstrickt hat, aus der sie sich nur mit Mühe lösen konnte, daß sie sich – wenn auch mit „gesträubten Nackenhaaren“ – mit christlicher Religion beschäftigt hat und „eine gewisse Frömmigkeit lebt“. Plötzlich habe sie sich auch erinnert, daß sie schon direkt nach der Abtreibung die sichere Ahnung gehabt habe: „Da war eine Seele, wenn ich nichts unternommen hätte, wüchse da ein Mensch heran, und ich habe ihn aus Notwehr getötet.“

Wie zur Selbstbestrafung hat Dorothea Eiselt seitdem das Gefühl von Trauer und Schuld bis in alle Tiefen genährt: Sie hat dem Fötus Geschlecht und Namen gegeben, sie malt sich das Bild einer kleinen Tochter aus, sie träumt davon, sie in ihrem Arm zu halten. Warum quält sie sich so? „Damit ich es besser verarbeiten kann“, sagt Dorothea Eiselt, „ohne die Anerkennung der Schuld finde ich ja auch keine Vergebung.“ Die Anzeige in der taz sei ein solcher Akt der persönlichen Aufarbeitung gewesen.

Aber eben nicht nur. Dorothea Eiselt will das, was sie empfindet, verallgemeinern, und da mischt sich ein kämpferisch-verbissener Unterton in ihre Stimme. Sie will Frauen warnen: „Tut es nicht.“ Was sie von den „Lebensschützern“ unterscheidet, mit denen sie nicht in eine Schublade gesperrt werden will? „Ich will niemanden fertigmachen und auch kein schlechtes Gewissen erzeugen. Ich sehe durchaus die beschissene Situation der Frauen, die ökonomisch, psychisch und kräftemäßig völlig überfordert sind. Aber ich will zeigen, daß eine Abtreibung auch noch nach Jahren Verlust und Verletzung sein kann. Ich wollte das Schweigen durchbrechen, denn ich kann doch – verdammt noch mal – kein Einzelfall sein.“

Kein Einzelfall, vielleicht, aber auch keine Vertreterin einer schweigenden Mehrheit. Zur „Problematisierung der Abtreibung von links“, die Dorothea Eiselt sich von ihrer Anzeige erhofft hat, ist es bislang nicht gekommen. Vera Gaserow