Währungen: Die künstlich geschürte Inflationsangst verschärft die Dollar-Krise

Von Georg Blume und Wolfgang Köhler

Der Dollar-Kurs fällt, und die Experten sind ratlos. Der akute Schwächeanfall der vergangenen Wochen sei das Ergebnis einer eindeutigen Stimmungsmache gegen die US-Währung, heißt es am Frankfurter Devisenmarkt. Andere Händler machen die Führungsschwäche und die Affären des amerikanischen Präsidenten sowie den Handelsstreit der Vereinigten Staaten mit Japan für den Kursverfall verantwortlich. Viele Erklärungsversuche laufen darauf hinaus, daß die aktuelle Dollar-Kursentwicklung „mit den wirtschaftlichen Realitäten nichts mehr zu tun“ habe. Statt dessen kochten anonyme Akteure aus Egoismus und Gewinnsucht am Devisenmarkt ihr eigenes Süppchen, in dem die reale Wirtschaft nicht einmal mehr als Garnierung herhalten darf.

Die Aufgeregtheit in den europäischen Finanzmetropolen steht allerdings in keinem rechten Verhältnis zu den Fakten. Zwar büßte der Dollar gegenüber der Mark seit Jahresbeginn rund zehn Prozent seines Wertes ein, was tendenziell zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft geführt hat. Mit einem Wechselkurs von 1,58 Mark liegt der Greenback aber immer noch innerhalb der Schwankungsbandbreite der letzten vier Jahre und weit von seinem Tiefpunkt von 1,38 Mark im September 1992 entfernt. Drastischer ist da schon die Kursentwicklung des Dollar gegenüber dem japanischen Yen. Obwohl das politische Tokio gerade wieder eine Regierungskrise zelebrierte, notierten die Devisenmärkte am 27. Juni eine bislang unerreichte Umtauschrelation: 1 Dollar = 99,50 Yen. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte wurde damit die oft als „magisch“ bezeichnete Grenze von 100 Yen unterschritten.

Die Reaktionen in Tokio auf den als sensationell empfundenen Höhenflug des Yen – die Kehrseite des Dollar-Kursverfalls – sind denn auch stark von Emotionen geprägt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs stand Japan als Verlierer im Schatten des mächtigen Amerika. Bis 1971 galt die von den Zentralbanken festgelegte Parität von 360 Yen pro Dollar. Dann begann ein rasanter, innerhalb von 23 Jahren nur selten unterbrochener Anstieg des Yen, den nicht nur Banker und Broker, sondern auch Bauarbeiter und Taxifahrer in Japan mit einer Faszination beobachteten, die andere Nationen allenfalls für Lottozahlen aufbringen.

Natürlich wissen die Japaner, daß ihnen eine starke Währung das Exportgeschäft erschwert. Doch stärker als die Sorge um Honda und Sony wiegt auch heute noch der nationale Stolz, den die meisten mit einer soliden Währung im eigenen Portemonnaie empfinden. Nach 23 Jahren Yen-Aufwertung, in denen noch kein namhaftes japanisches Unternehmen aufgrund der Währungsentwicklung dichtmachen mußte, und Rekordüberschüssen in der Außenhandelsbilanz klingen die offiziellen Warnungen vor Exporteinbrüchen unglaubwürdiger denn je.

Inzwischen spüren die Japaner auch im Alltag, wie sehr ein starker Yen ihnen nützen kann. Importiertes Rindfleisch, das sich seit der ersten Importerlaubnis vor sieben Jahren einer wachsenden Beliebtheit erfreut, ist an der Ladentheke in den vergangenen zwei Wochen um knapp zehn Prozent billiger geworden.