Als der Ruhrkohle-Vorstandsvorsitzende Heinz Horn im Dezember 1992 den Verlust vieler Arbeitsplätze verkündete, teilte er den verdutzten Journalisten en passant auch noch mit, der Aufsichtsrat habe soeben ein weiteres Vorstandsmitglied bestellt: Professor Harald B. Giesel, bis dahin Vorstandsmitglied des Steinkohleverbandes, werde zum 1. Januar 1993 in die Dienste der Ruhrkohle treten. Schnell machte das Gerücht die Runde, Giesel sei auserkoren, den Ende 1994 aus Altersgründen ausscheidenden Horn zu beerben.

Davon kann nun freilich keine Rede mehr sein. Vielmehr wird das Aufsichtsratspräsidium der Ruhrkohle, so wissen Insider im Revier, dem Ende August tagenden Aufsichtsrat vorschlagen, einen anderen Professor an die Spitze des Unternehmens zu stellen: Gerhard Neipp, derzeit noch stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Krupp. Damit tritt ein Mann an die Spitze der größten deutschen Zechengesellschaft, der mit Bergbau bisher nichts zu tun hatte – abgesehen davon, daß Neipp seit dem 5. Januar 1993 Mitglied im Aufsichtsrat der Ruhrkohle ist.

Aber ein Bergmann an der Spitze ist bei der Ruhrkohle auch nicht vonnöten. Jetzt braucht man einen wie Neipp, den Berthold Beitz 1983 als strategischen Denker zu Krupp holte. Dort wirkt der stille Schwabe eher im Hintergrund – das Reden überließ er immer gern seinen eloquenten Vorstandsvorsitzenden –, erst Wilhelm Scheider und nun Gerhard Cromme. Der 1939 im württembergischen Trossingen geborene Neipp war zunächst Werkzeugmacher, dann technischer Zeichner, ehe er an der Staatlichen Ingenieurschule Esslingen Maschinenbau studierte. Er ist also ein Mann, der die Welt der Arbeit nicht nur aus der Perspektive des Adlers kennt.

Als ihm die Universität Karlsruhe 1988 die Ehrendoktorwürde verlieh, rühmte sie seine Fähigkeit, „technische mit betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten“ zu verknüpfen, und attestierte ihm, „neue Konzepte zur Einbindung technologischer Entscheidungen in die strategische Unternehmensplanung“ erarbeitet zu haben.

Neipp geht seine Arbeit im Bergbau vielleicht etwas emotionsloser an als seine der Kohle verbundenen Vorgänger – gewiß aber nicht mit Zynismus den Menschen gegenüber, die in einem schrumpfenden Wirtschaftszweig um ihre Arbeit kämpfen. Auch ihm wird nicht erspart bleiben, Zechen zu schließen und Arbeitsplätze abzubauen. Aber er findet eine in der Ära Horn gezimmerte Plattform von Aktivitäten außerhalb des Bergbaus vor, die dem Unternehmen eine Chance zum Überleben bietet. Das sollte es ihm auch möglich machen, mit einem von seinen Vorgängern gepflegten Tabu zu brechen und über die Endlichkeit des Steinkohlenbergbaus in Deutschland nachzudenken. Denn das Argument, nur deutsche Kohle sei sichere Kohle, führt die Ruhrkohle derzeit selbst ad absurdum – sie beteiligt sich an einer Grube in Venezuela und will deutschen Stromversorgern Importkohle liefern. hgk