Keine Frage: Das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft war Bundestagswahlkampf. Helmut Kohl solidarisierte sich im kurzärmeligen Hemd mit Deutschlands Kickern, und der bekennende Kanzlerfreund und Bundestrainer Berti Vogts zeigte sich dankbar, dirigierte seine Mannschaft zum Sieg und buchte drei Punkte auf sein und des Kanzlers Konto. Fußball und Politik im Doppelpaß; alle Wahlforscher sollten bei ihren Prognosen für den Herbst den Ausgang der Weltmeisterschaft im Blick haben.

Daß vergebene Torchancen mit politischer Torheit, Siegtreffer mit Wahlsiegen zu tun haben, weiß heute jeder Politamateur. Als beim bedeutendsten Sportereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte erstmals im Ballspiel die gesellschaftliche Wirklichkeit deutlich aufschien, war das den Politikern noch suspekt. Den Bundestagsabgeordneten Wenzel Jaksch trieb im Juli 1954 gar die Angst um, "daß die Zeitgeschichte allzusehr als Fußballgeschichte erlebt wird!" Wenige Tage zuvor hatte die deutsche Nationalmannschaft im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft Ungarn mit 3:2 besiegt – und die deutschen Fans sangen noch im Berner Wankdorfstadion die erste Strophe des Deutschlandliedes; aus der sportlichen Sensation wurde ein Politikum. In Le Monde zum Beispiel erschien unter dem Titel "Achtung!" ein langer Leitartikel, der in den Fußballschuhen von Fritz Walter & Co. bereits wieder marschierende Wehrmachtsstiefel zu erkennen glaubte.

Der 4. Juli 1954 – die Wiederauferstehung eines deutschen Nationalismus, nur neun Jahre nach Kriegsende? Im Gegenteil. Damals im Wankdorfstadion wurde die Bundesrepublik als demokratischer Rechtsstaat erst richtig gegründet. Das behauptet jedenfalls Arthur Heinrich in "Tooor! Toor! Tor!", einer Bilanz von "Vierzig Jahre(n) 3 : 2". Das Spiel und die Folgen interpretiert er als ersten Versuch einer Selbstvergewisserung der jungen Demokratie, und der erscheint ihm allemal sympathischer als die nationale Identitätssuche der neuen, Berliner Republik.

Denn, und das weist er vor allem anhand der Presseberichte jener Zeit nach, der Sieg beförderte weniger einen strammen Nationalismus als vielmehr die Versöhnung der Bevölkerung mit einem Staat, "der als Republik der Sieger verpönt war oder schlichtweg ignoriert wurde". Helmut Rahns entscheidendes Tor erlaubte "Freude ohne Reue", wenn es auch nicht sofort eine heiße Liebe zur Demokratie entfachte. Aber das spielerisch, nicht politisch oder gar militärisch begründete Nationalgefühl schuf zusammen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einen Freiraum, in dem demokratische Gesinnung wachsen konnte.

Mitunter sind Heinrichs zeitgeschichtliche Wertungen etwas unklar, zumal dann, wenn er allzu ballverliebt dem Fußballjargon anhängt. Und wenn er philosophiert, daß der 4. Juli einen gar nicht so schlechten Nationalfeiertag abgegeben hätte, ist er mehr Fußballfan als Historiker. Aber sein Kurzpaßspiel zwischen dem 3:2 und der deutschen Befindlichkeit hat brasilianischen Spielwitz. Das Wunder von Bern steht für ein Land im Umbruch, für den Beginn des TV-Zeitalters, für das Ende eines Wiederaufbau-Autismus und den Anfang einer vagen nationalen Solidarität.

Viele skurrile Details fügt Heinrich zu einer Minimentalitätsgeschichte der jungen Bonner Demokratie, in der nicht national, sondern praktisch gedacht wird: Als Fritz Walter lukrativen Angeboten aus dem Ausland zu folgen schien, wurde er nicht als Vaterlandsverräter beschimpft, sondern es wurde Geld gesammelt, um ihn im Lande zu halten – Patriotismus aus dem Geist des Wirtschaftswunders. Kein begeisterndes, aber ein erfolgreiches Spiel. Und so kickt die Republik seit vierzig Jahren.

Christof Siemes