Von Friedhelm Gröteke

Ginge es nur nach dem Gesellschaftsrecht, hätte das italienische Staatsfernsehen RAI am Donnerstag dieser Woche Konkurs anmelden müssen. Denn die Radiotelevisione Italiana SpA, eine Tochter des Mischkonzerns IRI, hat im Geschäftsjahr 1993 ihr Grundkapital gleich viermal verloren. Spätestens ein halbes Jahr nach dem Bilanzstichtag ist die Verlustanzeige bei Gericht fällig.

Doch RAI und IRI-Konzern gehören dem italienischen Staat, überdies erfüllt das Staatsfernsehen mit seinen Sendungen eine öffentliche Funktion. Deshalb kann es nicht pleite machen. Vorstand und Verwaltungsrat hatten den Verlust von einer halben Milliarde Mark gerade noch so rechtzeitig der letzten Regierung Carlo Azeglio Ciampi gebeichtet, daß diese ein Gesetzesdekret zur Sicherstellung einer dreijährigen Sanierungsperiode für die RAI beschloß. Allerdings fand die abtretende Regierung im Parlament keine Zustimmung mehr dafür. Und da Regierungsdekrete ohne den Segen der Volksvertretung nach sechzig Tagen verfallen, muß nun die Regierung Silvio Berlusconi das Schicksal der drei staatlichen Fernseh- und Radiosender bestimmen. Regierung und Parlament kommen schon wegen der Doppelrolle Berlusconis als Eigentümer eines Medienkonzerns und als Regierungschef nicht um eine allgemeine Reform des Mediums Fernsehen herum.

„Ich habe gewisse Schwierigkeiten, persönlich in dieser Sache zu entscheiden, denn noch gehört mir ein Konkurrenzunternehmen der RAI“, ließ sich der Regierungschef vernehmen. An diesem Donnerstag beschäftigte sich das Kabinett mit der Zukunft des Staatsfernsehens. Für dessen Erhaltung in seiner öffentlichen Funktion gab Berlusconi seine Garantie.

Sicher ist aber auch, daß die RAI umgekrempelt werden muß. Italiens Staatsfernsehen zu reformieren ist freilich ebenso schwierig und zeitraubend, „wie einen Supertanker auf neuen Kurs zu bringen“. Diesen Vergleich zieht Generaldirektor Giovanni Locatelli, den sein Freund Mino Martinazzoli, damals noch Parteisekretär der Christdemokraten, vor einem Jahr auf die Kommandobrücke der RAI gehievt und ihm ein fünfköpfiges Professorenteam zur Seite gestellt hatte, das eine Reform erarbeiten soll. Schon damals strotzte die RAI vor Verlusten – dank einer alles überwuchernden Bürokratie und der Parteienherrschaft im Fernsehsystem.

Das alte Parteiensystem hatte das Staatsfernsehen als Organisation gerade deshalb so kompliziert, weil es dem Zuschauer übersichtlich erscheinen sollte. Jeder im Lande wußte: Wenn er RAI 1 einschaltet, sieht er die ganze Welt durch die christdemokratische Brille. RAI 2 garantierte die sozialistische Perspektive, und der dritte Kanal war in der Hand der Kommunisten. Wer sich objektiv informieren wollte, mußte die Nachrichten aller Sender hintereinander sehen – oder er wich auf die kommerzielle Konkurrenz aus.

Mit dem Zusammenbruch der Sozialisten und Christdemokraten endete diese Idylle. Als erster wurde der Direktor der Nachrichtenabteilung von RAI 1, Bruno Vespa, geschaßt, der erklärt hatte: „Mein zuständiger Arbeitgeber ist die Democrazia Cristiana.“ Dann wurde sein sozialistischer Kollege vom Sessel gehievt. Die kommunistische Enklave des RAI 3 hielt sich bis heute, weil die Parteimacht der Linken intakt blieb. Mehr noch: Viele vakante Plätze auch der anderen Programme besetzen inzwischen Vertreter der „Progressisten“, so Signora Gruber, die „rote Lilly“, wichtige Nachrichtenredakteurin des RAI 1.