ARD/ZDF: Fußballweltmeisterschaft

Ein Fußballspiel zu verfolgen, schrieb ein amerikanischer Kolumnist, sei so interessant, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Es fielen zuwenig Tore, es werde, wenn ein Stürmer mal in den gegnerischen Strafraum komme, bestimmt Abseits gepfiffen, und am Ende gehe das Spiel auch noch unentschieden aus. Das sei unterhaltungsgeschulten Amerikanern nicht zuzumuten.

Die europäischen Fernsehanstalten denken da anders und übertragen flächendeckend. Alle vierzig Spiele werden live geboten, wegen der nächtlichen Anstoßzeiten tags darauf wiederholt und für den heimkehrenden Berufsmenschen noch einmal am Nachmittag zusammengefaßt. Alles in allem 200 Stunden Fußball. Dazu wird täglich aus dem Trainingslager der deutschen Mannschaft berichtet, obwohl es nichts zu berichten gibt. So orakeln Reporter, wie groß die Wolke denn wohl sei, die Bundestrainer Vogts und seine Mannen mit dem ersten Spiel besteigen und bis zur Titelverteidigung nicht wieder verlassen wollen. Vielen Fans scheint das zu gefallen, denn sie belohnen die Sender mit satten Einschaltquoten, und zwar nicht nur, wenn die deutschen Elitekicker lostreten.

Live-Übertragungen von mehrwöchigen Großereignissen gehören zu den stärksten Herausforderungen, die an den Erfindungsreichtum der Sportaufbereiter gestellt werden. Schade, daß ihre Pässe und Kombinationen hinter denen der Profikicker weit zurückbleiben. Bei der ARD kommentieren altgediente Patriarchen ihren Stremel runter, verraten, was der Zuschauer ohnehin sieht, und zeigen so, daß das elektronische Zeitalter für sie beim Radio stehengeblieben ist. Wie ihre kaum weniger brabbelsüchtigen Kollegen vom ZDF wehren sie dem Horror des unbesprochenen Bildes mit Meldungen aus der Regenbogenpresse. So enthüllen sie, welcher Vorstopper vor zwei Jahren von seinem Trainer auf die Bank gesetzt wurde, welcher Stürmer Abitur hat und welcher Libero noch Junggeselle ist. Beim nächsten Spiel wiederholen sie mit tödlicher Sicherheit diese Anekdoten, auch noch in der gleichen Reihenfolge. Mancher Reporter verschweißt Fußballnachricht und Klatsch zu kuriosen Pointen. Beim Spiel gegen die argentinische Mannschaft erläuterte der ZDF-Kommentator folgendermaßen, wie es um den griechischen Torhüter bestellt sei: "Vier Kinder zu Hause und vier Gegentore hier."

Zur Unterstützung der Altkommentatoren hat die ARD Karl-Heinz Rummenigge angeheuert, der aber weder reden kann noch was zu sagen hat – außer "offensichtlich" und "ganz einfach". Besser ist das ZDF verfahren, das den Trainer Karl-Heinz Feldkamp in der Pause zur Analyse bittet. Feldkamp macht den Zuschauer auf strategische Konzepte oder Schwächen im Spiel aufmerksam, er trägt dazu bei, daß der Fan das Bild versteht, und leistet so, was den Journalisten mißlingt.

Im besten Fall läßt so ein Experte, der zuerst bei amerikanischen Footballspielen in Erscheinung trat und dort schon mal zum Stift greift, um auf dem Bildschirm Spielzüge graphisch zu erläutern, die Zuschauer räumliche Bezüge durchschauen. Er steigert damit deren Vergnügen an der Übertragung und erhöht zugleich die Kompetenz des Mediums Fernsehen für den Sport. Barbara Sichtermann