Janusz Reiter, der gescheite polnische Botschafter in Bonn, hatte in seine Residenz zu Tisch gebeten. Ehrengast war Krzystof Skubiszewski, in Bonn ein bekanntes Gesicht. Von 1989 bis 1993 war er der Außenminister von vier polnischen Ministerpräsidenten. Bei seinem Dienst half ihm ein vornehmer Gleichmut, um den er sich, so sagt er, „in den Turbulenzen des Lebens“ stets bemühte, seit ihn die Deutschen 1939 als dreizehnjährigen Jungen aus seiner Heimatstadt Posen (Poznan) verjagten.

Inzwischen lehrt er wieder als Professor für Völkerrecht, und nur ein Thema bringt ihn noch aus der Ruhe, ja, es elektrisiert ihn: die veränderte Geographie Europas. Im Nu hatte er die Gäste des Botschafters in ein Gespräch über die zusammengebrochene alte Ordnung auf dem Kontinent gezogen: Stettin (Szczecin) liegt 450 Kilometer von Warschau entfernt, aber nur 125 Kilometer von Berlin. Berlin ist nach 1989 zu einer östlichen Stadt geworden. Warschau liegt westlicher als Königsberg und Wien östlicher als Prag. Welche Schlüsse lassen sich daraus für das Gefüge Europas ziehen?

„Denken“ ist für Krzystof Skubiszewski die Forderung des Tages, Europa neu denken. Im Gedächtnis blieben aber vor allem seine Fragen. Warum denkt in Brüssel noch niemand über die Kriterien und Maßstäbe nach, die den beitrittswilligen Staaten in Osteuropa helfen könnten, sich auf die Europäische Union vorzubereiten? Warum wird weder in der Öffentlichkeit noch innerhalb der Regierungen der westlichen Hauptstädte diskutiert, wie es mit Europa weitergehen soll? Die deutschen Gäste am Tisch blickten auf ihre Teller und gaben ausweichende Antworten. Aber so leicht kamen sie nicht davon. Herausfordernd, wie nur ein Professor sein kann, der den Studenten das Offensichtliche erklären muß, hielt er ihnen entgegen: „Polen sucht nach der Sicherheit seiner Existenz.“

Das elegante Arbeitszimmer von Jean Francis-Poncet im Palais du Luxembourg, dem französischen Senat, ist für Deutsche jedweder Couleur ein Anziehungspunkt in Paris. In ihren Augen zeichnet ihn als maßgebenden Franzosen vor allem aus, daß er die deutsche Frage immer verstanden hat. François-Poncet diente seinem Land unter Giscard d’Estaing als Außenminister. Als Präsident der „Europäischen Bewegung“ in Frankreich ist der Senator eine klare Pro-Europa-Stimme im dissonanten französischen Stimmengewirr. Klarheit sucht er auch bei den Deutschen, bisher vergebens, wie er findet. Wieder einmal machen sie ihm Sorgen. Warum äußern sie sich nicht, wie es mit Europa weitergehen soll? Was haben sie im Sinn?

Als Helmut Kohl kürzlich einen Besuch im Senat machte, redete er davon, daß die deutsche Ostgrenze nicht mit der Grenze der Europäischen Union identisch sein dürfe. Das Kanzlerwort zischt in den Ohren der Pariser classe politique bis heute wie ein Torpedo unter der Wasseroberfläche. François-Poncet war nicht schockiert, versichert er, er versteht die Ängste der Deutschen; was er fürchtet, sind ihre Widersprüche. Sie wollen alle osteuropäischen Staaten in der EU sehen, aber niemand sagt, wie das bewerkstelligt werden soll, ohne die Strukturen der Europäischen Union zu zerstören. Die deutsche Gleichgültigkeit gegenüber der Institutionenfrage bringt François-Poncet auf, sie weckt sein Mißtrauen. Was wollen die Deutschen? Die Gemeinschaft schwächen?

Er hat das seinen deutschen Besuchern schon oft gesagt: „Frankreich möchte seinen Nationalismus auf ein Europa projizieren, das zum Handeln befähigt ist. Das, was die Franzosen am jetzigen Europa am meisten stört, ist seine Ohnmacht. Ein Europa, dem zur Arbeitslosigkeit nichts einfällt, ein Europa, das in Jugoslawien unfähig zum Handeln ist, ein Europa, das gegenüber Rußland keine Politik formulieren kann, das einen wirklich konsistenten Dialog mit den Vereinigten Staaten nicht zustande bringt, das unfähig zu einer Politik gegenüber dem Islam ist – das ist ein Europa, das die Franzosen ablehnen.“ Eine Erweiterung der Gemeinschaft ohne ihre institutionelle Vertiefung hält er für falsch. Er fragt sich nach den Hintergedanken der Deutschen: „Will Deutschland mit der Erweiterung nicht genau den Zwängen einer geschlossenen, supranationalen Gemeinschaft entgehen?“

Vor kurzem wurde Joachim Bitterlich, der Leiter der außenpolitischen Abteilung im Bonner Bundeskanzleramt, von einem amerikanischen Journalisten nach Helmut Kohls Programm für die Europa-Präsidentschaft gefragt (siehe auch Seite 4). Sie beginnt in diesen Tagen und dauert ein halbes Jahr. Mit der Nonchalance eines Unschuldsengels fragte der Journalist: „And what is your master plan of Europe?“