Von Selig S. Harrison

WASHINGTON. – Noch vor dem geplanten innerkoreanischen Gipfel sollen im kommenden Monat die hochrangigen Gespräche zwischen Amerika und Nordkorea wieder aufgenommen werden. Die hinausgezögerten Verhandlungen werden scheitern, wenn nicht drei Mythen, die die amerikanische Debatte über die Nuklearkrise seit zwei Jahren heimsuchen, zerstört werden.

Der erste Mythos: Pjöngjang ist unberechenbar und eine Lösung durch Verhandlungen unmöglich.

Seit die Hardliner und die gemäßigten Kräfte in der Regierungspartei im Jahr 1991 aufeinanderprallten, hat Nordkorea eine konsequente Nuklearstrategie verfolgt. Kim II Sung sitzt fest im Sattel, aber seine Regierung ist nicht monolithisch. Die Hardliner in der Armee und das Nuklear-Establishment ringen mit Technokraten und den eher kosmopolitisch orientierten Jungpolitikern um seine Gunst.

Unterstützt durch den Druck Chinas, gewannen 1991 zunächst die Gemäßigten die Oberhand in der Atompolitik. Und das Zentralkomitee beschloß, einen Versuchsballon zu starten: Als Gegenleistung für seine Bereitschaft, sich den Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergiebehörde zu unterwerfen und Inspektoren ins Land zu lassen, verlangte das ZK von Amerika und Japan die diplomatische Anerkennung, Wirtschaftshilfen und den Verzicht auf den nuklearen Erstschlag.

Die Hardliner verspotteten diese Idee und argumentierten, daß Amerikaner und Japaner nichts anderes im Sinn hätten als die Annexion Nordkoreas durch Südkorea. Aber der gemäßigte Flügel setzte sich durch: Die Plutonium-Aufbereitung wurde ausgesetzt, noch bevor die Ergebnisse der Gespräche mit Washington abzusehen waren.

Doch Präsident George Bush und auch sein Nachfolger Bill Clinton bestanden auf der Einreise von Inspektoren – als Voraussetzung für jede weitere Diskussion. Amerikas Weigerung, sich auf Pjöngjangs Paketlösung einzulassen, untergrub mit der Zeit die Position der Gemäßigten und führte zum Austritt Nordkoreas aus dem Atomwaffensperrvertrag im März 1993.