Was für eine Geburt! Die Mutter hat gestöhnt vor Schmerz, geweint, geflucht und gesungen; vor allem geflucht. Hebamme, Arzt und Freundin haben hysterisch zu besänftigen versucht und ebenfalls geschrieen – Hektik im Kreißsaal: kein erbaulicher Anblick. Hinterher will erst recht keine Freude aufkommen, denn das Baby ist nicht gesund, es hat eine Klumphand und läßt sich nicht stillen.

Angie betrachtet das Wurm in ihrem Arm, verstört, fast gleichgültig. Mutter und Kind – zwei Fremdlinge. Bei der Taufe flüchtet Angie zu ihrem Lover, wenig später überläßt sie den Sohn den Großeltern; heiraten kommt ohnehin nicht in Frage. Von wegen Mutterliebe und Elternpflicht: Angie ist eine Rabenmutter der radikalen Sorte, und Geena Davis spielt sie mit der gleichen Lust an der Anarchie wie jene Thelma in Ridley Scotts Frauen-Roadmovie. Und wie „Thelma & Louise“ verurteilt auch „Angie“ die Heldin nicht. Für Hollywood ein ungeheuerliches Novum: ein Mainstream-Film, der das Mutterglück in Frage stellt.

Regisseurin Martha Coolidge hat es gewagt und – ähnlich wie schon in „Die Lust der schönen Rose“ mit Laura Dem als Nymphomanin – die Angst vor der eigenen Courage bekommen. Reue und Rückkehr folgen auf den Fuß: In letzter Sekunde mutiert Angie zum Muttertier, rettet Sohnemann vor dem Tod durch Lungenentzündung und nimmt Opa an die Hand; sogar der Kindsvater taucht wieder auf, wenn auch dezent im Hintergrund. Was feministisch beginnt, endet ganz im Sinne konservativer Lebensschützer. Wobei die späte Wendung das kurze, aber ehrliche Portrait der Entfremdung zwischen Mutter und Kind nachträglich denunziert. Der Film hat dieses Bild schneller vergessen als der Zuschauer.

Das macht den Schluß nicht einfach ärgerlich, sondern zum Symptom einer Irritation. „Angie“ dokumentiert die Verunsicherung in der Traumfabrik eines Amerika, das seit der enttäuschten Hoffnung auf Bill und Hillary Clinton seinen eigenen Willen zur Veränderung Lügen straft und nicht einmal mehr die Rollenklischees zu sortieren weiß. Dabei werden sie anfangs so hübsch durcheinandergewirbelt. Seit „Thelma & Louise“ gab es nicht mehr soviel Frauenalltag und Männerschwäche im Hollywood-Kino wie in Bensonhurst/Brooklyn vor den Toren New Yorks, wo Drehbuchautor Todd Graff das gewöhnliche Amerika von Angie, Tina und Konsorten angesiedelt hat. Während Angies Freund Vinnie, von Beruf Klempner, für den Werbespot vor der Homevideo-Kamera nur hilflos stammeln kann, riskiert die Heldin eine dicke Lippe, behängt sich mit Modeschmuck, brüskiert mit Schlagfertigkeit und Zoten, wäscht nach Feierabend ihren Kühlschrank aus und bearbeitet im Bett mit Vorliebe Vinnies Pickel – die auf dem Rücken sind die reifsten. Frauengespräche über Preßwehen und Dammriß bleiben dem Publikum ebensowenig erspart wie Milchpumpe und drohende Brustentzündung oder der Anblick von Muttermilchflecken auf der Bluse. Das Kind, so Angie nach der Geburt, gleiche ihr durchaus: „Ewig in Panik und total am Ende.“ Nur Geena Davies kann so hinreißend ordinär sein, so billig aufgedonnert und unwiderstehlich.

Die Freiheiten, die sie sich als Thelma nahm, führten in einen jubelnden Tod. Angies Respektlosigkeit findet ein fataleres Ende: Die eigene Mutter, so stellt sich heraus, leidet an Schizophrenie, die Stiefmutter verlor ihr einziges Kind, der Ersatzsohn – Angies Baby – hängt an Schläuchen im Brutkasten. Psychokisten, wohin das Auge blickt – und Angie opfert sich. Eine Geschichte mit Tradition: Mit ihrem Parttime-Lover hatte die werdende Mutter ein Massenet-Ballett besucht; darin verführt die Ballerina Gevatter Tod, damit der ihren Liebsten verschont. Dem Spitzentanz im schneeweißen Ballettdreß zu spätromantisch schmachtenden Tönen korrespondiert der Schwangeren-Aerobic auf dem Fernsehschirm in ebenfalls glänzend weißen Bodies. Leider soll dieser grotesk-behäbige Tanz gereckter Frauenbäuche am Ende vergessen sein. Schade um den Eigensinn. Christiane Peitz