Von Gunter Hofmann

Ein ganz privates Wunschbild vorweg, auch wenn es mit den Realitäten des Wahljahres – und im Schatten des 16. Oktober steht alles, auch das Wählerorakel von Sachsen-Anhalt – scheinbar nur am Rande zusammenhängt. Es steckt in einer kleinen, wahren Begebenheit: Kürzlich versuchten Protagonisten der erwachsen gewordenen, anständigen Westrepublik, Karl-Dietrich Bracher, Rainer Lepsius und Jürgen Habermas, mit Bürgerrechtlern aus dem Osten ins Gespräch zu kommen, mit Stephan Hilsberg, Markus Meckel, Gerd Poppe, Jürgen Fuchs.

Die einen warben für ein paar Grundprinzipien der Westrepublik und wollten dazu ermutigen, das Mitbringsel, den demokratischen Bürgersinn aus dem Osten, mit Selbstbewußtsein zu verteidigen. Die anderen wurden von Resignation und Melancholie geplagt. Für einen Moment jedoch blitzte eine Ahnung auf, wo das Verbindende im Trennenden liegt und auf welchem Fundament die vereinigte Republik sich aufbauen ließe.

Soweit das Wunschbild: Zu dieser Suche nach dem "Neuen" ist es allenfalls im kleinen Kreis, aber nicht in der Politik gekommen. Also zu dem deutschen Gespräch über das notwendige Neue und das unverzichtbar Bewahrenswerte. An den Folgen dieses Versäumnisses laboriert insbesondere Ostdeutschland herum, wie die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt zeigten.

Die Christdemokraten mit ihren 34,4 Prozent und die SPD (34 Prozent) sind jetzt annähernd gleich stark, aber keiner von ihnen ist stark genug, um mit dem kleineren Partner (Bündnis 90/Grüne, 5,1 Prozent) zu regieren. Die FDP ist auf dramatische Weise unter die 5-Prozent-Schwelle abgestürzt. Und die PDS, die fast 20 Prozent erhielt, verbietet sich für fast alle von selbst als Koalitionspartner.

Paradox genug: Die einzige Altpartei aus dem Osten firmiert für jeden fünften Wähler offenbar als das "Neue", das sich abhebt von den Westparteien. Suggeriert wird zugleich, man verfüge über eine machbare, wirklich andere Politik. Damit wird die PDS allmählich doch zumindest zur ostdeutschen Regionalpartei, ohne die Funktion, für Mehrheiten zu sorgen, die in der Westrepublik lange Jahre die Liberalen ausübten. Immerhin aber so groß, um die Möglichkeit eines rotgrünen Bündnisses zu blockieren – oder eine große Koalition zu erzwingen.

Es gab eben auch keinen Versuch, über die Grenzen der Westparteien hinweg die Demokraten der ersten Stunde zu organisieren. CDU und FDP sogen die Blockparteien auf, als bestünden sie aus erprobten Demokraten. Und die SPD träumte sich groß und neu, aber eine Basis für diese Träume hatte (und hat) sie nicht. Schon gar fehlte ihr der Mut, den Reformern auch aus den Reihen der SED ein Integrationsangebot zu machen.