Auto-Didakt

In der Wochenzeitung Moskowskije Nowosti glossierte Michail Scheweljow den Übergang von der Planwirtschaft Breschnjews zur „Marktwirtschaft“ Jelzins – am Beispiel einer Autofahrer-Karriere: Der Saporoshez-Fahrer: wissenschaftlicher Mitarbeiter unterster Stufe; 140 Rubel pro Monat; erstes Kind; kleiner Schwarzmarkthandel. Der Moskwitsch-Fahrer: Abteilungsleiter; 180 Rubel; Scheidung; ein Zimmer in Gemeinschaftswohnung; Handelskooperative. Der Shiguli-Fahrer: drei eigene Kioske; alles Geld im Geschäft; Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum; Gaspistole. Der Wolga-Fahrer: Beteiligung an einer Bank; zweite und dritte Frau; Konto auf Zypern; Makarow-Pistole aus Polizeibestand. Der BMW-Fahrer: Abgeordneter; Sohn in Cambridge; Grundstück in Florida; Leibwächter. Der Lincoln-Fahrer: Explosion – Auslöser und Zündmechanismus nicht zu ermitteln.

Erster Vertreter

Die Deutschen haben gerne die Nase vorn. Deshalb sind sie auch die ersten, die in den palästinensischen Autonomiegebieten ein offizielles „Vertretungsbüro“ einrichten. Im Gaza/Jericho-Abkommen wurde vereinbart, daß die Palästinenser keine diplomatischen Beziehungen unterhalten dürfen, es sich also um keine Botschaft handeln darf. Entsprechend wollen sich die Bonner Diplomaten allein auf die „Koordinierung von Aufbau-Projekten“ beschränken. Das Büro in Jericho ist bereits gemietet und soll am 1. Juli eröffnet werden. Die Eile hat Kritik bei den Israelis hervorgerufen, die befürchten, daß Wirtschaft und Politik letztendlich doch nicht so eindeutig auseinandergehalten würden.

Hans Paul Bahrdt

Es war einmal eine Soziologie, die genötigt wurde, die Königin der Wissenschaften zu spielen, ohne Krone, allein durch die Macht der Hoffnung, mit ihr den Weg aus dem Dickicht der modernen Gesellschaft zu finden. Einer, der vor dem Irrtum warnte, die Soziologie könne nicht nur erklären, was war und was ist, sondern Tips für die Zukunft geben, war der Göttinger Professor Hans Paul Bahrdt. In den sechziger Jahren gehörte er zu den populärsten, klarköpfigsten Aufklärern im Lande. Soziologie war damals Mode, ihr verschrobener Jargon hatte die Alltagssprache verseucht, da half der liberale Gesellschafterforscher Bahrdt dabei, der Allgemeinheit „Wege zur Soziologie“ zu eröffnen und „Schlüsselbegriffe der Soziologie“ zu erläutern – nicht um sein Fach zu popularisieren, sondern um es darzustellen. Den größten Erfolg hatte er mit Büchern über „Die moderne Großstadt“ und einen „Humanen Städtebau“, der für ihn beim Wohnungsgrundriß begann. Am Donnerstag voriger Woche ist er, 75 Jahre alt, gestorben.