Von Martin R. Dean

Schade, daß die Heiligsprechung schon begonnen hat. Manche schildern ihn als einen Ausbund von Tugend“, notiert Niklaus Meienberg über seinen verstorbenen Freund Max Frisch. Läßt sich dasselbe nicht auch über ihn sagen, der tugendhaft war in seiner Streitbarkeit, manichäisch in seinem antibürgerlichen Engagement wie in seiner dezidierten Einmischung in die aktuelle Politik?

Seit dem Tod von Hermann Burger hat kein Selbstmord die helvetische Nation so bewegt wie der von Niklaus Meienberg im September 1993. Die Nachrufe bestätigten ihn ohne Umschweife als intellektuelle Institution, eine der wenigen kritischen und unversöhnlichen, die die Schweiz hatte. Unbestritten ist, daß es einen wie ihn geben mußte, daß man ihn nötig hatte, auch wenn sich an ihm die Geister schieden. Sein Zorn äußerte sich populistisch und in einer satten Sprache, auch wenn seine Feder spitz wie die eines Voltaire war. Seine Geschichtsbücher weckten Bewunderung, er erfand die Reportage neu und demonstrierte, daß auch in einem Land, wo das Schweigen und Verschweigen staatstragende Ausmaße hat, mit Wirt und Witz gestritten werden konnte. Seine harschen Postillen und Polemiken fanden umweglos ihre Adressaten, bei linken Freunden wie rechtsbürgerlichen Feinden. Neben den jetzt neu aufgelegten „Reportagen aus der Schweiz“, worin so unentbehrliche wie folgenreiche Aufsätze wie der über den Landesverräter Ernst S. nachzuschlagen sind, gehören der Lyrikband „Geschichte der Liebe und des Liebäugeins“ sowie der Aufsatzband „Zunder“ zu seinem Vermächtnis; sie beschreiben den allmählichen Rückzug des Homo politicus ins Private.

„Zunder“ ist leicht brennbares Material. Meienbergs „Zunder“, mit dem er den vor Selbstgerechtigkeit starrenden helvetischen Giebel entzünden wollte, versammelt fünfzehn hauptsächlich für Die Weltwoche und den Zürcher Tages-Anzeiger verfaßte Artikel unterschiedlicher Güte. Geschichtsschreibung am Leitfaden des Leibes, der zum Gegenstand und Ort politischer Erfahrung wird. Ob er sich der „Heimat“ zuwendete, zu den „Eingeschlossenen von Karabach“ reiste oder in Paris herumflanierte: Immer war Meienberg auf der Suche nach konkreter, mit den Sinnen erfahrbarer Geschichte. In „Die Entkörperung von Paris“ schrieb er: „Man spürt hier die Weltgeschichte sofort auf der Straße, während des Algerienkrieges wurden die Algerier gejagt und Dutzende in der Seine ertränkt, während der 68er Revolte war der Verkehr fast erloschen...“

„Entkörperlichung“ meint das Verschwinden der Gerüche und der Farben, die Säuberung des Pariser Straßenbildes vom bunten Treiben des Kleingewerbes. Meienbergs Bedauern darüber wirkt nostalgisch und entblößt in seiner Sentimentalität ein Weltbild voller Risse und Sprünge, in dem obsolete Feindbilder gut überwintert haben. Sein Artikel über die amerikanischen Siegesfeiern nach dem Golfkrieg bereitet nur leidlich Vergnügen, weil er kein einziges antiamerikanisches und antimilitaristisches Klischee ausläßt. Man vernimmt den Zorn des Gerechten, wenn er die Lobeshymne eines Admirals auf den Krieg zitiert („we had a good time“); goutiert immerhin seinen Ekel, wenn er beschreibt, wie die Generäle die Raketen „entzückend“ finden oder wie sich die Navy-Piloten mit Pornofilmen aufgeilten, bevor sie ihre Einsätze flogen. Doch dieser Zynismus wirkt eigentümlich matt, die denunziatorische Gebärde setzt das Einverständnis immer schon voraus.

Die Personalisierung der Machtverhältnisse trieb den Rechercheur gern in die Höhle der Löwen. Wo sich Manager und Frauen der oberen Führungskader streßfrei in der esoterischen Luft eines Meditationsseminars auffrischen, lauschte Meienberg den Bauchrednerstimmen der Mächtigen. Was diesen Spaziergang zwischen dem small talk der Funktionäre und VIPs vor dem Absturz ins Banale rettet, ist allein Meienbergs Fähigkeit zur Satire. Wo sein Humor ihm jene Distanz eingibt, die den Leser an seinen aufklärerisch-voyeuristischen Lauschangriffen teilhaben läßt, gelingen ihm unter der Hand Portraits von giftiger Schärfe.

Wie gefährlich war sein Schreiben den Mächtigen und deren ohnmächtiger Gefolgschaft wirklich? In einem offenen Brief an einen Zeitungsredakteur in Sarajevo schrieb Meienberg in einem Ton des Bedauerns: „Hier (in Zürich) kann man mit dem Schreiben höchstens eine Stelle, nicht das Leben riskieren.“ Trotzdem hat Meienberg viel riskiert. In einer Mischung aus Geltungssucht und Schonungslosigkeit hat er seine Person öffentlich gemacht und wurde deshalb von anonymen Anrufen und Bombendrohungen verfolgt. Sein Nervenkostüm, so bemerkte er lakonisch, wurde mit der Zeit fadenscheinig; Anfälle leichter Paranoia blieben nicht aus.