Von Petra Kipphoff

Unterwegs zu Cranach fragen wir uns, warum wir eigentlich unterwegs zu Cranach sind. Gibt’s da einen Anlaß? Nicht, daß die Frage uns bedrückt, denn Cranach zu sehen ist immer ein Vergnügen, und Spurensuche allemal. Aber kein bemerkenswertes Geburts- oder Todesjahr, kein Jubiläum weit und breit. Der Anlaß ist eine in Kronach, Cranachs Geburtsort, veranstaltete Ausstellung "Lucas Cranach, ein Maler-Unternehmer aus Franken" und, damit verbunden, eine vom Fremdenverkehrsverband Franken zusammen mit den Kollegen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen herausgegebene Broschüre "Auf den Spuren von Lucas Cranach".

Unterwegs zum Ereignis ohne Anlaß: ein wunderbarer Vorschlag für Kunstfreunde, die sonst Münch in Madrid und Goya in Oslo sehen, eine gute Idee der Tourismusbranche. Da Cranach zwar im fränkischen Kronach geboren wurde, die Spuren seines erwachsenen Lebens und seiner Arbeit aber vorwiegend in der Mitte Deutschlands zu finden sind, gewinnt diese Idee an Dimension durch die wiedervereinigte Bewegungsfreiheit. Nun ist es also wieder möglich, "die Stätten von Cranachs Leben und Wirken in beiden Teilen der Bundesrepublik zu besuchen". So frohlockt die Broschüre und macht Vorschläge für Reiserouten durch die beiden Teile.

Wir fangen mit der Spurensuche im anderen der beiden Teile an. Also mit dem Ende. In Weimar. Hier verbrachte Lucas Cranach sein letztes Lebensjahr im prächtigen, am Markt gelegenen Haus seiner Tochter Barbara, die mit dem Kanzler Brück verheiratet war. Am 16. Oktober 1553 starb Cranach hier, einundachtzig Jahre alt, und wurde auf dem Jacobsfriedhof beerdigt. Auf der an die Friedhofsmauer gelehnten Grabplatte steht ein hochgewachsener, bärtiger Mann, der die Palette vor sich hält wie einen kleinen Schild oder eine große Ehrenmedaille. Seine Verdienste sind auf lateinisch festgehalten: "... der schnellste Maler und Wittenberger Ratsherr, der durch seine Tugend drei sächsischen Kurfürsten und Herzögen sehr teuer war".

Zum Umzug nach Weimar hatte Cranach sich 1552 auf Wunsch seines letzten teuren Dienstherrn Johann Friedrich von Sachsen entschlossen. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Mühlberg der im Schmalkaldischen Bund vereinten Protestanten war dieser von Kaiser Karl V. zur Aufgabe der Kurwürde und der Residenzstadt Wittenberg gezwungen worden. Cranach, der ihm schon in die Gefangenschaft nach Augsburg gefolgt war und dort nicht nur ein nobles Selbstbildnis malte, sondern sowohl Karl V. wie auch Tizian portraitierte (damals fand offensichtlich auch Gefangenschaft noch standesgemäß und kulturbewußt statt), hatte sich zu diesem Umzug nicht zuletzt deshalb entschlossen, weil er dadurch sein Amt als Hofkünstler fortführen konnte.

Der hochgewachsene, bärtige Mann vom Grabstein begegnet uns in der Weimarer Stadtkirche wieder, die später Herder-Kirche genannt wurde. Auf der Mitteltafel des Hauptaltars steht der alte Lucas Cranach zwischen seinem Freund Martin Luther und dem ewig jugendlichen Johannes dem Täufer. Luther hält die aufgeschlagene Bibel in Händen, zeigt, wie das so seine Art ist, auf das Wort Gottes, Johannes der Täufer weist, was sollte er anderes tun, mit dem berühmten Zeigefinger auf den Gottessohn am Kreuz. Aus dessen Wunde aber spritzt ein Blutstrahl direkt auf das Haupt des Malers, der seinerseits unbeirrt fromm die Hände faltet. Cranach, so dürfen wir hier interpolieren, stand immer fest und auf die Sache konzentriert da, was es auch gerade sein mochte.

Der Weimarer Altar ist ein ganz und gar ungewöhnliches Heiligtum, Kunstwerk und Dokument zugleich, und die Tatsache, daß er wohl von Lucas Cranach dem Jüngeren stammt, relativ unwichtig, weil die Kunstausübung im Familien- und Werkstattverbund für Cranach so typisch war wie die geflügelte Schlange als Signatur. Wichtig ist das Bildprogramm, das die Heilsgeschichte, Religionsgeschichte und Privatgeschichte wie selbstverständlich zusammenfaßt, das Luther und Cranach an den Platz unters Kreuz stellt, wo sonst Marien aller Arten die Hände ringen und in Ohnmacht fallen. Und wichtig ist das Publikum dieses neu besetzten Heilsgeschehens. Auf den Seitenflügeln des Altars sind Johann Friedrich von Sachsen und seine Gemahlin Sibylle zu sehen, dazu die drei Söhne. Als Brautleute hatte Cranach 1526 die vierzehnjährige Sibylle von Cleve und den dreiundzwanzig Jahre alten sächsischen Kurprinzen gemalt, zwei in ihrer jugendlichen Verschlossenheit anrührende Portraits, die im Weimarer Schloßmuseum hängen. In der Gemeinschaft protestantischer Frömmigkeit treffen sich das betagte Ehepaar und der greise Maler auf den Tafeln dieses Altars wieder, den der Kunsthistoriker Ludwig Justi "das beste Malwerk in Deutschland nach Dürer" nannte.