Noch immer weiß die historische Forschung und erst recht die Öffentlichkeit hierzulande viel zuwenig über das Schicksal jener Zehntausender Emigranten, die ab 1933 aus Hitler-Deutschland flohen und ins Exil gingen. Das gilt ganz besonders für ihre Lebens- und Überlebensbedingungen im Exil: Wie sah der Alltag der Emigranten aus? Mit welchen Problemen mußten sie kämpfen? Diese Fragen wurden jahrzehntelang fast völlig ignoriert, und heute – wo sich zumindest zaghaftes Interesse daran zu regen beginnt – können nur noch wenige Überlebende darüber Auskunft geben.

Um so größere Aufmerksamkeit verdienen daher die Momentaufnahmen zweier Emigranten, die bereits vor sechs Jahrzehnten verfaßt wurden, aber erst jetzt als Buch erscheinen und überaus detaillierte und lebendige Einblicke in die Anfänge der deutschsprachigen Emigration bieten: „Von Hitler vertrieben – Ein Jahr deutsche Emigration“, unter diesem Titel zogen Rudolf und Ika Olden 1933/34 in ihrem englischen Exil eine erste Bilanz dieser Emigration. Gerade sie waren für eine solche Bilanz prädestiniert: Rudolf Olden – einer der bedeutendsten linksliberalen Journalisten und Juristen der Weimarer Republik – war als Sekretär des deutschen PEN-Clubs im Exil und als Mitglied zahlreicher humanitärer und politischer Organisationen eine der zentralen Figuren der Emigration, seine junge Frau stand als überzeugte Zionistin vor allem der jüdischen Massenemigration nahe.

Selber tagtäglich mit den Problemen des Exils konfrontiert, mischten sich die Oldens seit Frühjahr 1933 – zuerst in Paris, später in London – immer wieder unter ihre Leidensgenossen und zeichneten deren Lebensbedingungen auf. Sie besuchten die Flüchtlinge in ihren heruntergekommenen Quartieren, streiften durch die kleinen Emigrantencafés, begleiteten Ausreisewillige bei deren täglichem Kampf um Fahrkarten und Visa und verfolgten die Arbeit der zahlreichen Hilfsorganisationen. Den namenlosen ostjüdischen Flüchtlingen oder jenen Emigranten, die sich nur noch durch Betteln oder Prostitution über Wasser halten konnten, galt ebenso ihr Interesse wie den Köpfen der politischen und literarischen Emigration oder den wenigen Erfolgreichen, die sich auch im Exil eine gesicherte Existenz aufbauen konnten.

Diese Momentaufnahmen aus dem Exilalltag in Frankreich und England vertieften sie durch ausführliche Berichte über die Lebensbedingungen der Emigranten in anderen Ländern sowie durch erstaunlich präzise Hintergrundinformationen über Ausmaß und Folgen der Emigration und über die politische und wirtschaftliche Situation in den jeweiligen Gastländern. So entstand aus vielen kleinen Mosaiksteinen ein überaus dichtes Bild der Emigration in ihrer ganzen Vielschichtigkeit.

Auch wenn sie sich nur über den relativ kleinen Zeitraum von einem Jahr erstreckt, ist Rudolf und Ika Oldens Exilbilanz zweifellos eines der wichtigsten dokumentarischen Zeugnisse der deutschsprachigen Emigration nach 1933 überhaupt. Daß sie jetzt endlich erscheinen konnte, ist das Verdienst der beiden britischen Herausgeberinnen Charmian Brinson und Marian Malet, die sich bereits mit mehreren Arbeiten zum antifaschistischen Exil in England einen Namen gemacht haben und nun mit diesem Band ein weiteres Mal auch der Exilforschung hierzulande einen wichtigen Dienst erweisen. Marco Finetti

  • Rudolf und Ika Olden:

„In tiefem Dunkel liegt Deutschland“

Von Hitler vertrieben – Ein Jahr deutsche Emigration; herausgegeben und eingeleitet von Charmian Brinson und Marian Malet; Metropol-Verlag, Berlin 1994; 198 S., 29,80 DM