Von Michael Thumann

Gjirokastër/Athen

Die Mutter bekreuzigt sich, ihr bärtiger Sohn hält die Hände, als lägen sie in Handschellen. "So haben sie meinen Bruder eingesperrt." Die albanische Polizei kam ohne Haftbefehl, als sie Kostas Kiriakou aus einem Dorf nahe der südalbanischen Stadt Gjirokaster abholte. Die Uniformierten hatten gegen ihn nichts in der Hand, es gab keinen wirklichen Verdacht, nur einen durchsichtigen Vorwand: Spionage für Griechenland. Kiriakou ist Mitglied der legalen griechischen Minderheitenorganisation Omonia. Mit ihm wurden fünf weitere Omonia-Mitglieder verhaftet, sie verschwanden, niemand hatte zunächst Kontakt zu ihnen, nur einer bekam einen Anwalt. Jetzt wird ihnen der Prozeß gemacht.

"Hoch, als wolle es den Himmel verschlingen, erhob sich das Gefängnis", schreibt der albanische Schriftsteller Ismail Kadaré in der "Chronik in Stein" über die Stadt Gjirokaster im Zweiten Weltkrieg. Es scheint, als habe sich seitdem wenig verändert. Den Weg vom Polizeistaat zum Rechtsstaat hat Albanien noch nicht geschafft. Darunter leidet besonders die Minderheit. 400 000 Griechen leben in Südalbanien, sagen die Griechen, 60 000 seien es, sagen die Albaner. Seit der Grenzöffnung und dem Rücktritt der letzten kommunistischen Regierung im April 1992 fürchten albanische Beamte den griechischen Einfluß. Der Sog des Marktes hat Teile des armen Landes faktisch zur Drachmenzone gemacht. Nach Italien ist Griechenland der größte Investor in Albanien. Gelingt hellenischen Händlern, was der ehemalige kommunistische Diktator Albaniens mit militärischen Mitteln verhindern wollte? Gegen eine mögliche Invasion des Nato-Mitglieds Griechenland hatte Enver Hodscha sein Land mit Zwei-Mann-Bunkern überzogen. Alle hundert Meter ein runder Betonhaufen, eine Maginotlinie aus Maulwurfshügeln. Aus der ererbten Angst des Schwächeren unterdrückt die heutige albanische Regierung die Schwächsten.

"Tirana verweigert griechischen Kindern das Recht, in der eigenen Sprache zu lernen", klagt ein albanischer Parlamentsabgeordneter der Partei für Menschenrechte, Kostas Makariadis. Die Polizei sei neulich mit Schlagstöcken im Klassenraum aufgekreuzt, danach wurden sechs griechische Schulen geschlossen. Seither dürfen nur noch Nebenfächer bis zur vierten Klasse auf griechisch unterrichtet werden. Sprachchauvinismus allerorten: Ein griechischer Radiosender in Gjirokaster wurde geschlossen, griechisch-orthodoxe Gottesdienste und Feste behindert. Polizisten patrouillieren mit dem Gewehr am Arm durch Gjirokaster. Gelegentlich reißen sie nachts Menschen für Verhöre aus dem Bett oder brechen in die Büros von Omonia ein, um zu schnüffeln, zu filzen und zu konfiszieren. Die Omonia-Leute vermuten dahinter System: Durch Terror sollen die Griechen aus dem Lande getrieben und so das Minderheitenproblem gelöst werden. Selbst die Obrigkeit von Gjirokaster in Gestalt des Kreisvorstehers schimpft über die "Gesetze aus der kommunistischen Diktatur" und beteuert: "Albaner und Griechen wollen in Frieden zusammenleben. Keiner sucht hier den Streit."

Das kann man von den Politikern leider nicht sagen, etwa vom albanischen Verteidigungsminister Safet Jhulali. Der inszenierte jüngst eine monströse Trauerfeier, als Unbekannte zwei albanische Soldaten nahe der Grenze zu Griechenland erschossen hatten. Gjirokaster erlebte eine Invasion von 30 000 Spontan-Trauernden, die mit wutverzerrten Gesichtern am griechischen Generalkonsulat vorbeizogen und "Nieder mit den Faschisten" skandierten. Die albanische Regierung lastet den Tod der Soldaten Athen an – ohne Beweis. Medien in Tirana forderten bereits die Ausweisung griechischstämmiger Albaner, und der demokratisch gewählte Präsident Sali Berisha beschuldigte Griechenland der "Kriegstreiberei".

Wen meinte er? Zu Recht trifft sein Vorwurf die griechischen Boulevardblätter, die gern mit nationalen Themen die Stimmung der Menschen und die Auflage anheizen. Auch könnte Berisha einen orthodoxen Bischof im griechischen Grenzort Konitsa gemeint haben, der sich ins Mediengeschäft gestürzt hat. Radio Drynoupouli bringe den "Brüdern im Norden die Mission der Orthodoxie und des Hellenismus", erläutert ein junger Pope, der dem Bischof senden hilft. 1913 sei "Nordepirus", wie er die Gegend um Gjirokaster nennt, unrechtmäßig Albanien zugeschlagen worden. "Unser langfristiges Ziel ist heute der Anschluß an Griechenland."