Von Elke von Radziewsky

In Hamburg ist Architektursommer, und deshalb steht die Kunst an ihren Ausstellungsorten vor verschlossenen Türen. O.M. Ungers hat sich in der Kunsthalle eingenistet, neben seinem rasch wachsenden Kunsthallenneubau. Fritz Schumacher ist in der Deichtorhalle mit Plänen, Entwürfen, Modellen zu sehen, und im Kunstverein zeigt ein Baumeister den Performern und Inszenierern auf ihrem angestammten Spielfeld, wie man’s besser macht.

Jean Nouvel, der bullige Star unter den Architekten, halb Depardieu, halb Mephisto und mit 49 Jahren schon ein „Chevalier de L’ordre du Merit“, präsentiert sich so geschickt wie ein geübter PR-Agent mit Lightshow und persönlicher Botschaft, mit ausgesucht schönen Photos und markanten Leitsprüchen. Er ist bekannt für seine Streitlust, seine glänzenden Vorträge und die großen Töne, mit denen er „der Kunst einen Platz in der Architektur“ zuweisen will.

Ein erstes Nouvel-Apercu leuchtet dem Passanten schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Kunstvereins entgegen. Hinter dem großen Fassadenfenster steht in monumentalen Lettern: „Architektur lebt wie das Kino, durch Bewegung und Bilder“ – ein Locksatz, mit dem der Kunstverein die luzide Licht- und Glasarchitektur Jean Nouvels gegen die Backsteinreformbauten Fritz Schumachers in den Ausstellungshallen gegenüber auszuspielen versteht. Auf der Glasfassade am Eingang liest der Passant aber noch mehr. In der Kolonne untereinander stehen dort Begriffe wie Transparenz, Licht, Immaterialität, Abstraktion, Idee, Schweben, Mutation, Schatten, Schwere, Spiel – Reizworte, die ebensogut aus der neuen französischen Philosopie wie dem Führungskonzept des deutschen Bankvereins stammen können. Aber der Kunstvereinsbesucher, von der Konzept-Kunst gut trainiert, pariert, läßt vor seinem inneren Auge luftig-leichte Gebäude entstehen, löst eine Eintrittskarte und steigt die Treppen hinauf zur One-man-Show.

Fast schlagartig weltberühmt wurde Nouvel 1987 mit dem Gebäude für das Pariser „Institut du Monde Arabe“, dem ersten der „Grands Projets“, mit denen Staatspräsident Mitterrand seine Hauptstadt verschönerte. An der Südseite des vielgerühmten Baus mit Kulturzentrum und Bibliotheksturm schuf Nouvel eine Fassade, die, aus Tausenden von Photoblenden zusammengefügt, arabische Formensprache direkt in westliche Warenästhetik überträgt. Er wolle damit nicht etwa japanischen Kamerafirmen zuwinken, versichert Nouvel dem Kunstvereinsgast in einem Video. Es gehöre vielmehr zu seiner Arbeitsweise, Dinge aus fremden Bereichen, aus der Baustellenwelt etwa oder dem Hifi-Kosmos, in die Architektur zu übertragen. Er operiere, so sagt er, mit Metaphern, mit Bildern wie ein Literat, wolle Assoziationen wecken, Gefühle provozieren. Denn Architektur sei nicht länger Resultat von Entwürfen auf dem Zeichenbrett, sondern Ergebnis eines philosophischen Prozesses. Am Ende stehen dann durchaus praktische Ziele, und die Blenden des „IMA“ öffnen und schließen sich vollautomatisch, um den Lichteinfall in das gläserne Gebäude zu steuern.

Die kaleidoskopische Technikspielerei, die auf so leichte Weise östliche Ornamentik und westliche Industrieästhetik zusammenbringt, sitzt wie das Logo einer Corporate Identity und machte den „trotzigen Architekten der siebziger Jahre“ zum meistbegehrten Verpackungskünstler für Firmengebäude. Allein vier davon werden in den nächsten Jahren in Deutschland entstehen, in Berlin, in Frankfurt, in Köln. Für den Buchverlag DuMont entwarf Nouvel einen Geschäftssitz mit einer gläsernen Außenhaut, auf der mit Siebdruck aufgetragen typographischer Probesatz steht. Für die Victoria-Versicherung in Frankfurt am Main erfand er einen „Eisblock“ aus Spiegelglasfronten, durch die in einer Ecke wie eingefroren eine zu schützende historische Fassade durchschimmert.

Auch der Besucher des Hamburger Kunstvereins erhält eine Lektion in Sachen Verhüllungsstrategie à la Nouvel. Ein großer, schwarzer Würfel füllt den ganzen Ausstellungsraum bis auf einen schmalen Umgang aus. An drei Außenseiten hängt eine kleine Galerie bunter Bilder, die Nouvels prominenteste Gebäude in ein vorteilhaftes Licht rücken. Die unendlich lange schwarze Wellblechfront der Schokoladenfabrik Poulains auf einer grünen Wiese imitiert auf dekorative Weise eine Skulptur von Walter de Maria. Ein Zimmer des „Hotel des Thermes“ in Dax gleicht eher einem aus Licht, Schatten und Einsamkeit kunstvoll komponierten Bühnenbild als dem Ambiente für müde Gäste. Das Detail eines weißen und roten Lochbleches mit roter Warnleuchte aus dem ”IMIST”, dem Wissenschaftsinstitut von Nancy, könnte ebensogut Motiv für ein Pop-Art-Gemälde sein. Landschaftsausblicke, Nachtszenen, leuchtende Glasfassaden: Stimmungsphotographie. Richtig, meint Nouvel, und er glaube nicht, daß man Architektur analysieren könne, wenn man ihre Strukturen untersucht, und empfiehlt seinen Zuhörern, ihren Empfindungen beim Anblick seiner Gebäude freien Lauf zu lassen.