Von Janusz Tycner

Uralte Baumalleen führen wie schier endlose grüne Tunnel von der Verwaltungshauptstadt Olsztyn, die einst Allenstein hieß, in Richtung Osten, in das Herz Masurens. Unter dem unglaublich hohen Himmel erstreckt sich eine melancholische Landschaft, die ständig dazu verleitet, anzuhalten und zu photographieren, denn hinter jeder Alleenbiegung tut sich ein neues Bild auf.

An sanft geschwungenen Hügeln liegen Viehweiden. Einsame Feldwege winden sich zwischen den weiten, mit Kornblumen und Klatschmohn feuerrot und azurblau gesprenkelten Weizenfeldern. Hin und wieder taucht ein Backsteingehöft auf, vor dem sich Schweine im Dreck suhlen, oder ein Dorf mit schiefen Holzzäunen und schnatternden Gänsen. Pferdefuhrwerke rattern über grobes Kopfsteinpflaster, und zwischen den Wäldern glänzen blau und smaragdgrün die unzähligen großen und kleinen Seen – Himmelsaugen genannt. Exakt 3312 davon soll es in Masuren geben.

Vor allem aber begegnet man auf Schritt und Tritt dem Wahrzeichen dieser Gegend: "Störche zwischen den Herden stolzierend, Störche im Flug, Störche auf dem Dachfirst, sich wie Denkmäler vom hellen Himmel abhebend", schrieb Arno Surminski in seinem Buch "Polninken".

Je langsamer man sich fortbewegt, um so mehr sieht und entdeckt man unterwegs. Nicht zufällig sind es vor allem Segler, Radler, Paddler, Wanderer, die dieser Landstrich verzaubert. "Masuren ist die Harfe und das Spiel der Winde", notierte der lange Jahre in Lötzen, dem heutigen Gizycko, lebende Dichter Hansgeorg Buchholz über seine Heimat, von der freilich niemand zu sagen vermag, wo genau sie beginnt und wo sie endet. Es hat nie eine historische Region Masuren gegeben, kein Land, kein Fürstentum dieses Namens erschien jemals auf der Landkarte Europas.

Die im südlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen gelegene Landschaft wurde in grauer Vorzeit durch die vom Norden kommenden Gletscher geprägt. Die wenigen masurischen Städte sind in der letzten Kriegsphase, sei es durch Kampfhandlungen, sei es durch Brandschatzungen der Roten Armee erheblich zerstört worden und haben größtenteils kaum Sehenswertes zu bieten. Die Landschaft jedoch ist wie aus dem Bilderbuch. Angesichts ihrer Schönheit fragt man sich: Wie kann ein jahrhundertelang so oft von Hungersnöten, Pest, Kriegen, Vertreibung, aber auch von riesigen Abholzungen und Trockenlegungen von Moorgebieten heimgesuchtes Land so wundervoll sein? Und vor allem: Wird dies Land so bleiben angesichts seiner ungelösten Umweltprobleme und des ständig wachsenden Tourismus?

Seit Jahrzehnten ist Masuren kein Geheimtip, sondern die große Sommerfrische der Polen. Knapp zwei Millionen Menschen verbringen jedes Jahr ihren Urlaub in diesem einzigartigen Naturidyll, in dem man Reihern, Kormoranen, Kranichen, sogar Schwarzstörchen und weißen Seeadlern begegnen kann. Die ausländischen Besucher sind fast ausnahmslos Deutsche.