Journalisten gibt es, die können Gedanken lesen und durch Wände, wenn nicht gar Stahltüren sehen. Zu den Aufdeckern, bei denen sich Phantasie mit investigativem Eifer paart, zählt seit langem Bob Woodward. Der Mann, der gemeinsam mit einem Kollegen von der Washington Post den Watergate-Präsidenten Richard Nixon aus dem Amt schrieb, kann inzwischen eine beachtliche Strecke vorweisen. Ob die Mitglieder des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, ob die geheimnisumwitterten Herren der CIA oder die Strategen im Pentagon – Woodward hat sie bereits alle in einschlägigen Büchern als menschlich, allzumenschlich bloßgestellt. Was lag also näher, als auch Bill Clintons Weißes Haus auf Normalmaß zu stutzen?

Viel Überzeugungsarbeit brauchte der Autor mit seinem Buch "The Agenda – Inside the Clinton White House" nicht mehr zu leisten. Der Verdacht, daß in Clintons Administration ein noch etwas heftigeres Chaos herrscht als bei seinen Vorgängern, war längst Allgemeingut. Für die Gewißheit liefert Woodward nun die Belege. Besser gesagt, er versucht es, denn seine Erkenntnisse aus den Korridoren des Weißen Hauses klingen oft genug nach schlichtem Klatsch und Tratsch.

Aber welcher Leser wagt schon an der Authentizität der Enthüllungsgeschichte zu zweifeln, wenn ihm gar ein Dialog aus dem Clintonschen Ehebett vor dem Einstieg in das Präsidentschaftsrennen ("Ich denke, du mußt es tun." – "Glaubst du wirklich?" – "Yeah.") geboten wird? Wer mag schon an der Allwissenheit des Autors zweifeln, wenn er berichten kann, bei welcher Gelegenheit der Präsident ein Nickerchen gemacht oder welcher Handelnde wo was getrunken oder gegessen hat?

Die Trivialitäten dienen in diesem Fall dazu, die Rekonstruktion des politischen Kernstücks der Clinton-Präsidentschaft zu untermauern. Es geht um die Reform des amerikanischen Wirtschaftssystems samt Steuerpolitik und Defizitreduzierung. Schon im Präsidentschaftswahlkampf war sie Clintons Leitmotiv ("Die Wirtschaft, du Dummkopf" gemahnte ein Graffito im Wahlkampfhauptquartier die Mitarbeiter). Dem Willen nach Veränderung standen von Anfang an Ahnungslosigkeit und Meinungsverschiedenheiten der Protagonisten im Wege. Wie sich aus ihren kakophonischen Wirtschaftsideen schließlich fast so etwas wie ein Triumphmarsch durch den Kongreß entwickelte, schildert Woodward mit viel Gespür für dramatische und emotionale Effekte.

Ein Panorama des Für und Wider der wirtschaftlichen Reformansätze, geschweige denn ein Urteil über die gesellschaftspolitisch bedeutsamen Veränderungen, entstand so nicht; eher liest sich das Buch wie eine machtpolitische Seifenoper für Washington-Fans. Immerhin verfestigt Woodward den Eindruck, daß Disziplin und Geschlossenheit nicht zu den Stärken der Clinton-Administration zählen. Oder wie ein Eingeweihter die Mitstreiter des Präsidenten beschreibt: eine Kinderfußballmannschaft, in der niemand auf der vorgegebenen Position bleibt, sondern alle wie die Wilden hinter dem Ball herjagen.

Mittlerweile bemühen sich ein neuer Pressechef und ein neuer Stabschef, das Chaos in der Washingtoner Machtzentrale zu mildern. Geblieben aber ist ein Präsident, der allzu ausführlich mit seinen Mitarbeitern debattiert, der zögert und "nie eine Entscheidung trifft" (der frühere Sprecher Clintons Stephanopoulos). Ganz so schlimm aber kann es nicht sein, denn immerhin hat er neben vielen seiner wirtschaftlichen Vorstellungen auch die umstrittene nordamerikanische Wirtschaftszone (Nafta) im Kongreß durchgesetzt und jetzt einen Anlauf zur Reform des Krankenversicherungssystems genommen. Dauerhaft genutzt haben die Erfolge wenig, denn im Augenblick hält ihn die Mehrheit der Amerikaner ganz im Sinne Bob Woodwards für "keinen starken Führer".

Sollte das Verdikt zutreffen, braucht sich der amerikanische Präsident während seiner derzeitigen Europareise dennoch nicht zu verstecken. Schließlich hebt sich Bill Clinton trotz mancher Führungsschwächen von der Mehrheit seiner kontinentalen Kollegen immer noch fast wie ein Ausbund an Entschlossenheit ab.

Dieter Buhl