Von Erika Martens

Kein Zweifel, der Zug nähert sich Wolfsburg. Langgezogene Fabrikhallen und riesige Parkplätze, dicht an dicht besetzt mit Golfs, Ventos und anderen Fahrzeugen aus dem Hause VW, säumen den Schienenweg. Das Werk und die Stadt gehören zusammen. Beide verdanken ihre Existenz dem Volkswagen, den Ferdinand Porsche entwarf. Beide wurden 1938 auf freiem Feld aus dem Boden gestampft.

Die Wolfsburger sind mit VW gut gefahren. Jetzt allerdings spürt die ganze Stadt die Autokrise, die VW mit der vielgerühmten 4-Tage-Woche und Einkommensminderungen seiner Beschäftigten in den Griff bekommen will. Die üppigen Zeiten scheinen fürs erste vorbei zu sein. Sie hatten den Einwohnern ihr Planetarium und das gerade eingeweihte prächtige Museum beschert. Kindergärten und Jugendwerkstätten, Wohlfahrtsverbände und Sportvereine, berufsbildende Schulen und Kultureinrichtungen – alle profitieren von der großzügigen Unterstützung der Firma. VW trug stets den Löwenanteil zum Gewerbesteueraufkommen der Stadt bei – geradezu eine Sensation ist es deshalb, daß erstmals in diesem Jahr die übrigen Betriebe zusammen den größten Arbeitgeber übertreffen. Noch immer aber bietet VW mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze in Wolfsburg.

Hier baute man zwar keine Bürgersteige aus Marmor wie in der IBM-Hochburg Sindelfingen, aber die Stadt galt als reich, und das Pro-Kopf-Einkommen der 130 000 Einwohner lag Anfang der neunziger Jahre um dreißig Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Selbst Stadtkämmerer Manfred Berenskötter muß zugeben, daß sich die Stadt einer „überdurchschnittlichen Finanzkraft“ erfreuen konnte.

Auch heute gehört Wolfsburg keineswegs zu den notleidenden Kommunen, obwohl VW derzeit die größte Krise seiner Geschichte durchmacht. Immerhin mußte der Kämmerer 1994 erstmals seit zehn Jahren Darlehen aufnehmen, dreißig Millionen Mark im ersten Quartal – gewiß kein Grund zu Panik. Alarmierender ist es schon, daß das Gewerbesteueraufkommen von seinem Höchststand im Jahre 1991 (187 Millionen Mark) auf 60 Millionen in diesem Jahr zusammenbrach. Die Stadt, so Berenskötter, „richtet sich darauf ein, daß das Geld bei VW nicht mehr so leicht fließt wie bisher“.

Die Stadt, das ist nicht nur die Verwaltung, das sind auch Einzelhändler und Dienstleistungsbetriebe, Sportvereine und Banken, Versicherer und – die Wolfsburger selbst. Hier hat jeder einen Verwandten oder Bekannten, Freund oder Nachbarn, der bei VW arbeitet. Der tiefe Einbruch am Automarkt zwingt das Unternehmen zu einer Radikalkur. Auf dem Spiel standen 30 000 der gut 100 000 westdeutschen Arbeitsplätze, davon allein 15 000 in Wolfsburg. Schon jetzt sind mehr als 10 000 Menschen in der Stadt ohne Job. Entlassungen dieser Größenordnung hätten nicht nur dem Kämmerer die Finanzen „fürchterlich verhagelt“, die Chancen der Betroffenen auf einen neuen Arbeitsplatz wären überdies denkbar gering. Henning Eckel, Leiter des Stadtentwicklungsamte begründet das so: In Wolfsburg fehlt ein breiter Mittelstand, die Zahl der Arbeitsplätze im Einzelhandel liegt unter der vergleichbarer Kommunen und auch die Dienstleistungen sind unterrepräsentiert. Karosseriebauer Frank Michael Hüsing formuliert es noch drastischer: Bei 15 000 Entlassungen wären „ganze Straßen in Wolfsburg arbeitslos geworden“.

So waren alle erleichtert, als sich Vorstand und Betriebsrat des größten Autobauers in Europa auf das „VW-Modell“ einigten. Danach wird die Arbeitszeit aller Mitarbeiter für einen Zeitraum von zwei Jahren um zwanzig Prozent und das Jahreseinkommen um zehn bis zwölf Prozent verringert. Das Unternehmen spart etwa 1,6 Milliarden Mark, das Minus im Portemonaie der Beschäftigten wurde geschickt kaschiert. Mit Hilfe einer komplizierten Umrechnung konnte das Monatseinkommen auf dem Stand von Ende 1993 gehalten werden. Extras wie die jährliche Sonderzahlung in Höhe eines Monatseinkommens, und ein großer Teil des Urlaubsgelds fallen jedoch flach. Dafür ist den Kollegen ihr Arbeitsplatz in diesen beiden Jahren sicher.