Sträflich vernachlässigt haben wir auf den Seiten unseres Feuilletons bisher das Genre der Zirkuskritik: Menschen, Tiere, Sensationen. Oder, um mit Hans Magnus Enzensberger zu sprechen: „Aber selber so leicht zu werden / wie ein Strich / eine Silbe / ein Zeichen / am Himmel / eine Minute lang / zu schweben / ist schwer“ – „Chinesische Akrobaten“ heißt sein Gedicht.

Akrobaten also. Ans Werk. Heute machen wir alles wieder gut.

Nachdem uns kürzlich noch die Zirkustruppe der RAF bei ihrem letzten großen Auftritt in atemloses Staunen versetzt hatte (Sie erinnern sich? Die Selbsttötung mit aufgesetzter Waffe im freien Fall rückwärts aufs Bahngleis mit anschließendem Verschwinden aller beweiskräftigen Spuren), können wir nun beruhigt feststellen, daß auch unsere Polizei nach kurzer Schwächephase wieder zu akrobatischen Höchstleistungen fähig ist. Der einfache Bänderriß, vorgeführt am polizeikritischen Journalisten vor laufenden Fernsehkameras mit anschließendem Verschwinden aller Schuld, war da nur der Anfang. Jetzt aber in Hannover, der Todesschuß in den Rücken des flüchtenden Kurdenjungen im Stolpern beim gleichzeitigen Versuch, den Trommelrevolver wieder ins Hülster zu stecken – das ist ganz große Zirkusklasse!

Im Western mußte man bei einem Trommelrevolver ja immer noch den Hahn spannen, bevor man schießen konnte. Hier nicht – so trickreich arbeiten die fabelhaften Polizeiakrobaten. Bravo!

Aber nein, halt, stopp, gildet alles nicht. Inzwischen haben unbekannte Männer von „südländischem Typus“ terroristische Brandanschläge auf Polizeiwagen und -reviere unternommen. Deshalb nehmen wir obenstehende Glosse sofort wieder zurück. Wir begeben uns da nämlich in bedenkliche argumentative Nähe zu schnurrbärtigen Gewalttätern. Dabei stehen wir aber doch erstens fest auf dem Boden der freiheitlich-akrobatischen Grundordnung. Hinter unseren Sicherheitskräften, die mit sich im freien Fall selbsttätig entsichernden Trommelrevolvern hinter uns stehen.

Und zweitens lassen wir das mit der Zirkuskritik jetzt doch lieber. Zu gefährlich. Wir legen uns lieber weiter mit unbewaffneten Schauspielintendanten an, die uns höchstens mal die Pressekarten sperren, wenn wir sie anpinkeln. Anstatt uns in einem unbeobachteten Sondereinsatz am Rande einer Premiere die Beine zu brechen. Finis