Weit draußen, über dem Regenbogen hinter den sieben Bergen, jenseits der Elfen- und Feenreiche, liegt das Land Kaurismäki. Seine Konturen sind unklar, seine Grenzen fließend, und über die Zahl seiner Bewohner liegen keine Schätzungen vor. Und doch gibt es eine ganz eigene Stimmung, die überall in diesem Land herrscht, und einen ganz besonderen Menschenschlag, der diese Stimmung trägt.

Kaurismäkis Menschen erkennt man auf den ersten Blick: an ihren aufgerissenen Augen, ihren schwerfälligen, träumerischen Gesten, ihrem wie seit Ewigkeiten verschlossenen Mund. Sie sind Angehörige eines Volkes, das von den anderen, größeren Völkern vergessen wurde und deshalb verlernt hat, jenes Gerede über dich und mich in Schwung zu halten, aus dem unser modernes Großstadtleben zur Hauptsache besteht. Bei ihnen schweigt jeder den anderen an, und der andere schweigt ungerührt zurück.

Oberflächliche Betrachter haben das Land Kaurismäki von jeher mit dem Staat Finnland identifiziert. Aber mit Finnland hat Kaurismäkiland in Wahrheit nur ein paar äußerliche Züge gemeinsam, den Hafen von Helsinki, einige Stadt- und Landstraßen und vor allem die Sprache; die großen touristischen Attraktionen jeder Finnlandreise dagegen, die Seen im Landesinneren, die Kirchen der Hauptstadt, die Meeresbuchten im Süden, sind bei Kaurismäki nie zu sehen. Außerdem gehören auch bestimmte Gegenden von London und Paris zu Kaurismäkis Reich, und die Auftritte von Jean-Pierre Léaud („I hired a Contract Killer“) und Sam Fuller („Das Leben der Bohème“) beweisen, daß unter der Bevölkerung auch Franzosen und Amerikaner sein müssen. So läßt sich das Land Kaurismäki wohl am ehesten mit jenem „Weltinnenraum“ vergleichen, den der Dichter Rainer Maria Rilke entdeckte, als er anfing, die Dinge nicht mehr von außen, sondern von innen zu betrachten und zu bedichten.

Weltinnenraum, Weltaußenraum. Zwei Männer, Valto und Reino, unterwegs im Auto, auf Landstraßen von hier nach dort. Der eine raucht Zigarren und trinkt Kaffee, der andere raucht Zigaretten und trinkt Wodka. Der eine, Mato Valtonen als Valto, sieht aus wie eine Kreuzung aus King Kong und Frankensteins Monster, was ihn aber nicht daran hindert, seinen Anzug im Hotelzimmer so zärtlich zu bügeln, wie noch nie jemand ohne Bügeleisen einen Anzug gebügelt hat. Der andere, Matti Pellonpää als Reino, ist die genaue Fortsetzung all jener Müllmänner, Ausbrecher und Quartalsäufer, die Pellonpää schon für Kaurismäki gespielt hat: einer, der im Leben keine Chance hat und keine Ruhe im Tod. Einmal, sagt er, habe er einem Rocker aus Helsinki die Zähne ausgeschlagen und dann die Schmerzensgeldbescheide des Gerichts dem Nachbarskind als Malpapier geschenkt. Das ist die einzige Geschichte, die er zu erzählen hat, der Rest ist Wodka und Schweigen.

Diesen beiden Idioten wünscht man das Glück. Nicht weil sie es mehr verdient hätten als irgendwer sonst; sondern weil sie weit und breit die einzigen sind, bei denen das Glück noch etwas ausrichten kann, bei denen es nicht als selbstverständlicher Genuß, sondern als göttliche Gnade und Erlösung erscheint. Kaurismäkis Kino ist eine einzige Glücksbeschwörung: Die Ausweglosigkeit, in die jeder seiner Filme führt, ruft das Glück als letztes Mittel herbei. Wenn es kommt, ist die Welt erträglich, wenn es ausbleibt, ist sie die Hölle, die sie immer war.

Vor einer Imbißbar an der Landstraße, irgendwo in der Nacht, werden Reino und Valto von zwei Russinnen angesprochen, deren Reisebus in der Nähe gestrandet ist. Tatjana (Kati Outinen) kommt aus Estland, Klavdia (Kirsi Tykkylänen) aus Weißrußland; die eine kann Finnisch, die andere nicht. Die Orte, an denen die vier Reisenden haltmachen, heißen ravintola, baari und kaavila: Bruchbuden mit Zaubernamen, Billigkantinen und erbärmliche Theken, an denen Wim Wenders’ Engel herumlungern könnten, wenn sie sich nicht beizeiten totgeredet hätten. Im Straßenhotel teilt Valto das Zimmer mit Klavdia, und Tatjana übernachtet bei Reino. Vorher gehen sie ins ravintola, trinken Kaffee, Tee und Wodka und schweigen sich an. Dazu Musik: „Veko und Pepe spielen jetzt Uskko Kemppis Polka .Anuschka’.“ Es ist zum Lachen und zum Heulen zugleich.

Auf einem verkommenen Fabrikgelände machen die vier zum letztenmal Rast. Tatjana setzt sich auf eine Betonröhre, und Reino kommt zu ihr und legt den Arm um sie. Dazu erklingt, ganz fremd und ungewohnt zwischen den Rock- und Poptiteln dieses Films, auf einmal das Motiv des 4 Satzes aus Tschaikowskys „Pathetique“; und für einen Moment ist die große, dröhnende Tschaikow-