Der Zuhälter und Kleinkriminelle Johann ("Jack") Unterweger, 26 Jahre, zum großen Teil in Erziehungsheimen und im Gefängnis verbracht, wird 1976 wegen Mordes an Margret Schäfer zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Recht muß Recht bleiben.

Im Gefängnis verbessert sich Unterweger zum nützlichen Glied der Gesellschaft, holt den Hauptschulabschluß nach und liest. Er liest, was die Gefängnisbibliothek hergibt: Romane, Sozialwissenschaftliches, Psychologie. Im Selbststudium merkt er, daß er nicht Margret Schäfer umgebracht hat, sondern seine Mutter, "sie hab’ ich vor mir gesehen".

Unterweger liest die österreichischen Klassiker, Peter Handke zum Beispiel, meint, das kann er auch und besser. Er übt sich im Schreiben, tippt Kurzgeschichten ab, dichtet selber, Minuskeln natürlich: "ich war ein biest, ein teufel, ein vergreistes kind." Wer schreibt, entgeht kaum der Veröffentlichung. Für die Kindersendung "Das Traummännlein" des Österreichischen Rundfunks liefert er regelmäßig Beiträge, ein Buch wird draus, er gibt eine Zeitschrift heraus, liest im Gefängnis aus eigenen Werken. Ein Muster.

Die Zuhörer bleiben nicht aus. Man braucht einander ja: Die gesamte österreichische Kultur hat ihren Fez, unternimmt Betriebsausflüge in den Knast, der lebenslängliche Unterweger käme sonst nie frei. Das vergreiste Kind schreit nach mehr, wendet sich an Alfred Kolleritsch, schreibt an die manuskripte: "Ich möchte endlich Anschluß nach draußen, nach der Welt der Schreibe finden." Mit der Schreibe findet Unterweger den Weg ins Freie.

Sein Leben, bisher die reine Katastrophe, erweist sich als literarischer Glücksfall. Unterweger ist, wie er bald merkt, ein Traummann. Neun Jahre nach Franz Innerhofers Lebensbericht "Schöne Tage", zwanzig Jahre nach Thomas Bernhards "Frost", als man sich in Salzburg und Wien längst mit tiefschürfenden Analysen zum negativen Heimatroman habilitiert, erzählt ein Nachzügler noch einmal, wie es war im alten Österreich der fünfziger Jahre, wie man aufwachsen konnte als "Zuchthäuslerbalg", ein besseres Stück Vieh.

1983 erscheint Jack Unterwegers Buch "Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus", zu spät eigentlich, um wahr zu sein. Das wunschlose Unglück lag so weit schon zurück. Längst ließ sich’s auch in Innerhofers Salzkammergut unbeschwert Sommerfrischen, zogen sich Auto- und Seilbahnen selbst durch Bernhards sonnenloses Tal von Weng. Doch Unterweger, der Spätling, bestand auf seiner Wahrheit. Erzählte von Kälte, Dunkelheit, Hunger, vom saufenden, prügelnden Großvater, der trielend über Aktphotos der Mutter onanierte. Der "Hansi" war nichts, aus dem wurde nichts. Wohin sollte die Reise auch gehen, wenn nicht ins Zuchthaus?

Franz Innerhofer hat seine Geschichte in drei, vier Büchern erzählt, hat sich, wie man so schön sagt, von ihr befreit. Seine Schriftstellerlaufbahn war damit beendet. Er schreibt fast nichts mehr.