Jahrzehntelanges Blutvergießen hat sich ausnahmsweise gelohnt. Bäche von Tier- und Menschenblut mußten fließen, mit allen Mitteln versuchten Forscher ihnen das Geheimnis zu entlocken – doch nun ist es vollbracht: Der Stoff, der Thrombozyten wachsen läßt, ist isoliert, sein genetischer Code geknackt. Das mächtige Molekül, von dem bereits ein millionstel Gramm genügt, um die für die Blutgerinnung essentiellen Blutplättchen sprunghaft zu vermehren, ist entlarvt.

Seine beiden Verwandten, die ebenfalls zur beschleunigten Blutbildung beisteuern, haben den Pharmamarkt revolutioniert und sind heute Vorzeigepräparate der Gentechnik: Das Erythropoietin (EPO) stachelt die Produktion der roten Blutzellen an. Das G-CSF (Granulozyten-Kolonien stimulierender Faktor) läßt weiße Blutzellen heranreifen. Beide haben nicht nur die Lebensqualität von Patienten, sondern auch die Umsätze von Biotechfirmen gesteigert. Mit EPO, von dem Millionen Dialyseabhängige profitieren (ihre geschädigten Nieren stellen nicht mehr genügend körpereigenes EPO her), und mit G-CSF, das die Nebenwirkungen der gefürchteten Chemotherapie entschärfen soll, wurden im vergangenen Jahr knapp zwei Milliarden Dollar umgesetzt.

Zu ihnen gesellt sich nun ein dritter Wachstumsfaktor. Das Hormon namens Thrombopoietin (TPO) fügt sich als das letzte Mosaiksteinchen in unser Blut-Bild. Mit dem Trio der Bluthormone ist der „ganz besondere Saft“ in Krisensituationen wesentlich besser beherrschbar. Künftig können, zumindest theoretisch, alle wichtigen Zellen des Blutes gezielt in ihrem Wachstum beeinflußt werden. Die Hämatologen sind in Sektlaune.

Alle Blutzellen haben einen gemeinsamen Ursprung. Sie stammen von den gleichen Vorläuferzellen des Knochenmarks ab. Je nach Art des Wachstumsfaktors, der sie stimuliert, entwickeln sich daraus rote, weiße oder auch scheibenförmige Blutzellen. Die weitaus häufigsten Zellen im Blut sind die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten. In den Adern eines Erwachsenen fließen fast fünfzehn Billionen dieser Zellen. Aneinandergereiht würden sie eine 100 000 Kilometer lange Karawane bilden.

Das brandneue Protein TPO gehört – wie EPO und G-CSF – zur Klasse der Zytokine, jener Botenstoffe, die dem blutbildenden System Aufträge zur Herstellung neuer Zellen übermitteln. Sie bestimmen, wer wann mit wem worüber kommuniziert. Ohne sie würde die Immunabwehr zusammenbrechen. Tag für Tag werden im Blut immerhin 10 000 Milliarden Ersatzzellen gebildet.

Die spezielle Aufgabe von TPO ist es, dem Knochenmark als der Geburtsstätte des Blutes zu signalisieren, daß der Organismus mehr Plättchen benötigt. Dies wird etwa dann der Fall sein, wenn die Zahl der Thrombozyten infolge einer zellverschlingenden Chemotherapie, Bestrahlung oder Knochenmarkstransplantation stark absinkt. Vor allem die Chemotherapie, die eigentlich der gezielten Abtötung von Krebszellen dient, vernichtet dabei auch reihenweise gesunde Zellen, darunter viele Blutzellen. Erniedrigte Plättchenzahlen können zu exzessiven Blutungen mit lebensbedrohenden Folgen führen.