Gaza/Jericho

A rafats erster Blickkontakt mit der Bevölkerung dauerte ganze drei Sekunden. Kaum war sein gepanzerter Mercedes über die ägyptische Grenze in den Gaza-Streifen gerollt und der kleine Mann mit der schwarzweißen Keffijah ausgestiegen, hatte ihn die fortdrängende Menschenmenge schon verschlungen. Erst als ihn zwei Polizisten einen kurzen Moment in die Höhe hoben, konnte er lächelnd in die jubelnde Masse blicken. Der 64jährige PLO-Chef sah aus wie ein kleiner Junge, der gerade ein Geschenk auspackt, das er sich seit langem sehnlichst gewünscht hat. Während der halbstündigen Fahrt, die ihn anschließend von Rafah nach Gaza brachte, kullerten ihm die Tränen über die Wangen. Dies war der Anfang vom Ende des Exils – und manche Palästinenser mögen sich noch immer die Augen reiben.

Wahrscheinlich hatte Jassir Arafat manchmal selber nicht mehr an seine Rückkehr geglaubt. Zu lange hatte er bei jeder Gelegenheit beteuert, daß "die letzte Viertelstunde unseres Kampfes" angebrochen sei und daß er bald in seine Heimat zurückkehren werde. Zwar hatten diesem Beschwörungsformeln über die Jahre ungebrochen schön geklungen, doch für die meisten Palästinenser in den besetzten Gebieten waren sie nicht mehr als ein wunderbarer Traum. Die Beziehung zu dem PLO-Chef sei deshalb eher eine Romanze gewesen als eine Partnerschaft, formulierte es der Psychiater Ayyad as-Sarraj aus dem Gaza-Streifen. Arafat glich dem entfernten Geliebten, der – weil unerreichbar – um so begehrenswerter erschien. Und jetzt mußten die Bewunderer feststellen, daß ihr Geliebter auch nur ein Mensch ist. Mit seinem Besuch hat Jassir Arafat riskiert, daß an dem Mythos gekratzt wird, der seine Person immer umgeben hat. Aus der Nähe betrachtet, hat er viel von seinem Charme verloren.

Der Held kam alleine – ohne seine Ehefrau Suha. Wie zuvor bei den offiziellen Zeremonien in Washington und Kairo, die den Friedensprozeß besiegelten, pflegte der PLO-Chef auch diesmal sein Image als Freiheitskämpfer. Schließlich hatte er stets betont, "mit Palästina verheiratet" zu sein.

Eigentlich war er bereits Anfang Mai erwartet worden, doch dann wurde die Ankunft immer wieder verzögert; einmal, weil die Art des triumphalen Einzugs noch nicht feststand (per Helikopter oder Konvoi, via Jordanien oder Ägypten?), dann, weil ihn die Israelis baten, nicht ausgerechnet zum Jahrestag des Sechs-Tage-Kriegs einzureisen. Dann stellte der PLO-Chef neue Bedingungen, und schließlich hieß es, er wolle die Fußball-Weltmeisterschaft abwarten, damit ihm die Schlagzeilen nicht gestohlen würden. Als er dann am Mittwoch vergangener Woche kurzfristig sein Kommen ankündigte, hatte er wieder einmal alle überrascht, die eigenen Leute eingeschlossen. Am zweiten Besuchstag verkündete der Chef der palästinensischen Verhandlungsdelegation, Nabil Sha’ath, daß "Abu Ammar" (Arafats Kampfname) sich in wenigen Tagen im Gaza-Streifen niederlassen werde.

Jassir Arafat, der seit 35 Jahren in der Welt umherirrt, von vielen Geheimdiensten gejagt wurde und nach eigenen Angaben etwa vierzig Attentaten entronnen ist, wird also seßhaft. Die Frage aber, ob sich der unermüdliche Revolutionär in einen fähigen Regierungschef verwandeln kann, wurde durch seinen fünftägigen Besuch nicht beantwortet, sondern mit neuer Dringlichkeit aufgeworfen.

Für Jassir Arafat war es nicht einfach, sich vor einem Publikum zu bewähren, dessen Ansprüche weit auseinandergehen. Schließlich hörten neben den Palästinensern auch die Israelis seine Reden. Der PLO-Chef, der sonst gerne mit gespaltener Zunge spricht, wußte, daß jedes seiner Worte auf die Waagschale gelegt würde. Ihm flüsterten deshalb gleich mehrere Souffleure ins Ohr. So hatte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak dem Rückkehrer im Vorfeld erklärt, wie wichtig es sei, die israelische Rechte nicht zu provozieren, um Premierminister Rabin zu schonen. Der PLO-Chef hielt die Spielregeln ein. Weder erwähnte er die Frage der israelischen Siedlungen noch die des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge von 1948 und 1967 – zwei heikle Streitpunkte, über die erst in Zukunft verhandelt werden soll. Das schwierigste Thema behandelte Arafat nur in Frageform. Mit einem jubelnden "Ja" antworteten seine Landsleute, als er sich erkundigte: "Werden wir fähig sein, diesen Staat unserer Träume zu schmieden mit Jerusalem als Hauptstadt?" Die offiziellen Kommentare von israelischer Seite blieben dennoch verhalten; Arafat hatte den Rahmen des Möglichen nicht gesprengt.