Der Tanz der Eisenmänner

Von Michael Gross

Gut fünf Stunden sind die Besten bereits unterwegs. Die anderen hinken hinterher, nicht einige Minuten, eher zwei oder auch drei Stunden. Jetzt naht die Stunde der Wahrheit, das große Finale beim "Iron-Man" auf Hawaii steht bevor – der Marathonlauf, die dritte, die letzte Etappe. Zuvor absolvierten Arme und Beine nahezu 4 Kilometer im Schwimmen und 180 Kilometer auf dem Rad. Und jetzt 42 195 Meter zu Fuß. Als das Ziel erreicht ist, straucheln Teilnehmer, stolpern und stürzen. Geschundene Körper, ausgemergelte Gesichter, Bilder des Leidens. Aber was ist das schon? Hawaii, Iron-Man! Das Rennen an sich, das Nonplusultra.

Wolfgang Dittrich gehört zu jenen Glücklichen, die im letzten Jahr auf Hawaii dabeisein durften. "Viele quälen sich, keine Frage", sagt Dittrich, der bei dem Rennen dritter wurde. "Die Schmerzen sind riesig, aber das ist unvermeidbar", räumt auch Martin Engelhardt ein, Präsident der Deutschen Triathlon Union (DTU) und seit 1987 selbst ein "Eisen-Mann".

Sogar Sonnencreme mit Schutzfaktor 27 half ihm damals, während der Tortur in der schattenlosen Lavawüste auf Hawaii, nichts. "Meine Haut auf dem Rücken war durch die tropische Sonne verbrannt, zum Teil sogar im zweiten Grad." Daß sein Sport ansonsten gut für die Gesundheit sei, will Engelhardt, Orthopäde an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main, nicht behaupten: "Der Iron-Man ist aus medizinischer Sicht völlig unvernünftig, Schäden für Sehnen und Gelenke sind programmiert." Andererseits: "Wenn man schließlich unter der Dusche steht, dann erlebt man dankbar und bewußt die eigene Körperlichkeit."

Der Iron-Man, der am 10. Juli in Roth bei Nürnberg ausgetragen wird, ist die Qualifikation für das Rennen auf Hawaii. Er gilt als die klassische Disziplin im Triathlon. Doch längst gibt es Sportler, denen der Iron-Man als Herausforderung nicht mehr ausreicht. Stefan Schlett aus Kleinostheim bei Frankfurt am Main bevorzugt noch weit ausgeprägtere Torturen: 2260 Kilometer in 9 Tagen, 6 Stunden und 48 Minuten. Unter zwanzig Startern Platz zwei beim sogenannten Decatriathlon in Monterrey, Mexiko. "Super war’s", berichtet der ehemalige Berufssoldat über den zehnfachen Iron-Man. Zeitlimit: achtzehn Tage. Irgendwann muß halt Schluß sein. Schlett gönnte sich drei Stunden Schlaf täglich. Im Schnitt zumindest, denn die erste Nacht durchschwamm er. Ebenso fiel die letzte Nachtruhe aus, um im Laufschritt erfolgreich 120 Kilometer Rückstand wettzumachen.

Trotzdem behauptet der 33 Jahre alte Profi: "Bei solchen Exzessen kommt es auf eine Stunde mehr oder weniger nicht an." Vielmehr setze er sich ständig unter Druck, um den Wettkampf überhaupt beenden zu können. Im Ziel kniete der Hobbyfallschirmspringer nicht nieder oder brach zusammen. Auch am Zielstrich legte er noch einhundert Liegestütze drauf. "Einfach so aus Gaudi", schmunzelt er. "Aber ich will auch zeigen, daß ich noch fit bin." Die Arme hatten beim Radeln und Laufen tagelang "viel zuwenig zu tun gehabt".

Diese Zugabe hinter dem Zielstrich hat für Stefan Schlett, der sich selbst, ohne Auto oder Freundin, als "moderner Einsiedler" begreift, mittlerweile Tradition. Zehn deutsche Rekorde hat der aufgestellt, vor allem im Laufen. Tausend Kilomieter in gut einer Woche; tausend Meilen in weniger als zwei Wochen. Eine Vorbereitung auf solche Strapazen gibt es kaum, trainieren kann ohnehin niemand für solche Distanzen. Mentale Konzentration, "geistige Härte", sei wichtiger. "Allein im Kopf entscheidet sich, ob man den Decatriathlon schafft."

Der Tanz der Eisenmänner

Für Astrid Benöhr aus Zülpich kommt ein solcher Decatriathlon nicht in Frage. "Das schadet nur meiner Schnelligkeit." Sie ist "Sprinterin", sie hält die Bestzeit im sogenannten Tripletriathlon: 678 Kilometer, die Distanz von Stuttgart nach Hamburg, im Wasser, auf dem Velo und per pedes in 39 Stunden und 50 Minuten. Weltrekord. Mehr will sie nicht. Beim zehnfachen Iron-Man "hört der Spaß auf", erklärt die 36 Jahre alte Mutter von drei Kindern. "Das schadet doch der Gesundheit." Und so weit würde sie nie gehen, sagt sie. "Triathlon hat etwas mit Freiheit zu tun." Der Genuß der Natur, der schier unendliche Kampf mit dem eigenen Körper und mit den Schmerzen, "der Tanz in Grenzbereichen".

Zufällig, sagt Astrid Benöhr, habe sie die extremen Distanzen entdeckt. Den normalen Iron-Man habe sie schon x-mal bewältigt. "Ja, und dann probierte ich einfach mal längere Strecken aus."

Eine typische Reaktion, wie die psychologischen Untersuchungen der Universität Saarbrücken zur "Motivation und Verhaltenskontrolle von Ultratriathleten" beweisen.

"Sehr wichtig", so heißt es darin, ist allen Athleten, "in den Grenzbereich ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit vorzudringen". Ist ein gesetztes Ziel erreicht, gilt es, sich neue, extremere Grenzen zu setzen. Dieses Ideal fordert seinen Preis. Viele Ultrasportler schrecken nicht davor zurück, "die eigene Leidensfähigkeit zu erfahren". Kein Wunder also, wenn die "Förderung der Gesundheit", der "Vergleich mit Gegnern" und sogar "die Verbesserung eigener Zeiten" ganz am Ende der Motivationsskala rangieren.

Verbandspräsident Engelhardt vermutet zudem im Ultratriathlon eine Flucht: "Im Iron-Man hätte keiner von denen eine Chance auf erste Ränge." Und Iron-Man Wolfgang Dittrich behauptet sogar: "Das sind keine Wettkämpfe mehr, ein reiner Egotrip und sonst nichts." Darin liegt der Erfolg: Organisatoren von Triple-Man-Wettkämpfen klagen bereits über zu viele Anmeldungen. Dennoch ist Engelhardt von einem gegenteiligen Trend im Triathlon überzeugt. "Die Entwicklung führt zu den kurzen Distanzen." Hallenwettkämpfe, wie im Palais Omnisport in Paris mediengerecht zelebriert, seien die Zukunft. Und im Jahr 2000 in Sydney soll bei Olympia nur über die Kurzstrecke (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Rad und 10 Kilometer Laufen) Gold im Triathlon vergeben werden. Das Aus für den Iron-Man? Wohl kaum.

Nicht nur für Stefan Schlett wird die Überschreitung neuer Horizonte Passion bleiben. "Es klingelt mir in den Ohren, wenn irgendwo neue Herausforderungen lauern." Die Saarbrücker Wissenschaftler haben eine Analyse des Extremkults parat: Die Ich-Identität führe zum Ende einer "hedonistischen Sportkultur", der Bewegung schlicht aus Spaß und Wohlbefinden. "Der Mythos des (mehrfachen) Iron-Man ist geeignet, narzißtische Größenphantasien zu befriedigen." Das Ziel der Betreuung von Ultratriathleten müsse sein, "die körperlich-seelische Gesundheit zu bewahren".

Indizien sprechen dafür, daß längere körperliche Belastungen eine forcierte Ausschüttung von Betaendorphin, einem morphinähnlichen Stoff zur Schmerzhemmung, verursachen können. Im Ergebnis sei es denkbar, so der Sportwissenschaftler Lothar Schwarz, daß eine "Stimmungseuphorie" entstehe und der Athlet sich in einen Rauschzustand steigere.

Der Tanz der Eisenmänner

Triathlon kann "süchtig" machen. Nicht wie bei einer Droge unbewußt, unmerklich, sondern als kalkuliertes Risiko. Die gewollte Gewöhnung an die extremen Belastungen führt zu einer später notwendigen Entwöhnung, geistig und körperlich. "Die Ultralangstrecken sind für mich eine Sucht, aber eine positive", unterstreicht Stefan Schlett. "Die tagelangen Strapazen sind mein ‚Laster‘. Aber besser, als dem Alkohol oder Nikotin verfallen zu sein."

Aufhören, in Monats- oder gar Tagesfrist, ist jedoch auch für den Ultrakörper unmöglich. Nach wenigen Tagen erzwungener Untätigkeit im Wasser, auf dem Bike oder in den Schuhen "juckt es wieder". Ohne Training, ohne das Alleinsein, fällt der Triathlet in ein tiefes, nicht nur psychisches Loch.

Der Drang auf Puls 150. Es kribbelt in Armen und Beinen. Der unterbelastete Kreislauf meldet sich, will mehr, will auf Trab gebracht werden wie ein Rennmotor, der im Stadtverkehr gehörig zu stottern beginnt. "Wirklich elend fühle ich mich nur in den Trainingspausen, total schlapp und müde vom Nichtstun", berichtet Iron-Man Dittrich.

"Mit Raubbau am eigenen Körper haben unsere Leistungen nichts zu tun", versichert Astrid Benöhr, stellvertretend für alle Ultratriathleten – vorausgesetzt, man bereite sich langfristig vor und überschätze die individuellen Fähigkeiten nicht. Doch wer schützt den einzelnen vor dem Rausch der Distanz, dem Verlust an Selbstkritik?

Die Athleten sehen die ganze Sache lange nicht so dramatisch. Ultratriathleten, so Astrid Benöhr, seien so gut trainiert, "daß wir uns nicht einmal voll verausgaben müssen". Stefan Schlett quittiert jeden Einwand mit einer eindeutigen Diagnose: "Ich fühle mich kerngesund."

Tatsache ist: Beim letzten Triple-Man in Lensahn verlebte der medizinische Dienst drei ruhige Tage. Nur kurz vor Ende der Veranstaltung mußte ein Notfall versorgt werden: Eine Helferin war zusammengebrochen. Ihr Kreislauf hatte schlappgemacht.