Für Astrid Benöhr aus Zülpich kommt ein solcher Decatriathlon nicht in Frage. "Das schadet nur meiner Schnelligkeit." Sie ist "Sprinterin", sie hält die Bestzeit im sogenannten Tripletriathlon: 678 Kilometer, die Distanz von Stuttgart nach Hamburg, im Wasser, auf dem Velo und per pedes in 39 Stunden und 50 Minuten. Weltrekord. Mehr will sie nicht. Beim zehnfachen Iron-Man "hört der Spaß auf", erklärt die 36 Jahre alte Mutter von drei Kindern. "Das schadet doch der Gesundheit." Und so weit würde sie nie gehen, sagt sie. "Triathlon hat etwas mit Freiheit zu tun." Der Genuß der Natur, der schier unendliche Kampf mit dem eigenen Körper und mit den Schmerzen, "der Tanz in Grenzbereichen".

Zufällig, sagt Astrid Benöhr, habe sie die extremen Distanzen entdeckt. Den normalen Iron-Man habe sie schon x-mal bewältigt. "Ja, und dann probierte ich einfach mal längere Strecken aus."

Eine typische Reaktion, wie die psychologischen Untersuchungen der Universität Saarbrücken zur "Motivation und Verhaltenskontrolle von Ultratriathleten" beweisen.

"Sehr wichtig", so heißt es darin, ist allen Athleten, "in den Grenzbereich ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit vorzudringen". Ist ein gesetztes Ziel erreicht, gilt es, sich neue, extremere Grenzen zu setzen. Dieses Ideal fordert seinen Preis. Viele Ultrasportler schrecken nicht davor zurück, "die eigene Leidensfähigkeit zu erfahren". Kein Wunder also, wenn die "Förderung der Gesundheit", der "Vergleich mit Gegnern" und sogar "die Verbesserung eigener Zeiten" ganz am Ende der Motivationsskala rangieren.

Verbandspräsident Engelhardt vermutet zudem im Ultratriathlon eine Flucht: "Im Iron-Man hätte keiner von denen eine Chance auf erste Ränge." Und Iron-Man Wolfgang Dittrich behauptet sogar: "Das sind keine Wettkämpfe mehr, ein reiner Egotrip und sonst nichts." Darin liegt der Erfolg: Organisatoren von Triple-Man-Wettkämpfen klagen bereits über zu viele Anmeldungen. Dennoch ist Engelhardt von einem gegenteiligen Trend im Triathlon überzeugt. "Die Entwicklung führt zu den kurzen Distanzen." Hallenwettkämpfe, wie im Palais Omnisport in Paris mediengerecht zelebriert, seien die Zukunft. Und im Jahr 2000 in Sydney soll bei Olympia nur über die Kurzstrecke (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Rad und 10 Kilometer Laufen) Gold im Triathlon vergeben werden. Das Aus für den Iron-Man? Wohl kaum.

Nicht nur für Stefan Schlett wird die Überschreitung neuer Horizonte Passion bleiben. "Es klingelt mir in den Ohren, wenn irgendwo neue Herausforderungen lauern." Die Saarbrücker Wissenschaftler haben eine Analyse des Extremkults parat: Die Ich-Identität führe zum Ende einer "hedonistischen Sportkultur", der Bewegung schlicht aus Spaß und Wohlbefinden. "Der Mythos des (mehrfachen) Iron-Man ist geeignet, narzißtische Größenphantasien zu befriedigen." Das Ziel der Betreuung von Ultratriathleten müsse sein, "die körperlich-seelische Gesundheit zu bewahren".

Indizien sprechen dafür, daß längere körperliche Belastungen eine forcierte Ausschüttung von Betaendorphin, einem morphinähnlichen Stoff zur Schmerzhemmung, verursachen können. Im Ergebnis sei es denkbar, so der Sportwissenschaftler Lothar Schwarz, daß eine "Stimmungseuphorie" entstehe und der Athlet sich in einen Rauschzustand steigere.