Von Nina Grunenberg

Das Eurocorps drängelt in die französische Geschichte. Im Namen Europas müssen die Gallier erdulden, daß die Germanen an ihrem heiligen 14. Juli in der Parade mitmarschieren – nein, mitfahren. Sie werden die Champs-Elysees in Panzerspähwagen versteckt zurücklegen. Sonst könnte, wird befürchtet, die großmütige Geste von Präsident François Mitterrand trübe Erinnerungen an die Jahre wecken, in denen Paris von deutschen Knobelbechern widerhallte.

Die Einladung zum französischen Nationalfeiertag mag sich in deutschen Augen eher bescheiden ausnehmen. Für die Franzosen dagegen, bedeutet sie einen großen Sprung nach vorn. Sie müssen ihr Herz dafür in beide Hände nehmen und es über tausend Jahre Geschichte und Tradition hinwegwerfen. In ihren Augen ist die Geste großzügiger, als vielen von ihnen zumute ist.

Das vereinigte Deutschland bereitet den Franzosen immer noch Unbehagen. Das Bonner Gejammer über die Lasten der Einheit mögen sie nicht ernst nehmen. Lionel Stoleru, ein früherer Berater im Elysée, faßte ihren Argwohn in einem Bonmot zusammen: "Deutschland durch die Wiedervereinigung geschwächt? Daß ich nicht lache. Eine Boa wird nicht dadurch geschwächt, daß sie einen Hasen verschlingt." Die Franzosen sehen, daß sich die Gewichte in Europa zugunsten Deutschlands verschoben haben. Sie selber fühlen sich durch die deutsche Einheit und die Öffnung nach Osten marginalisiert, nicht mehr im Zentrum des Geschehens, wie sie es vorher eindeutig waren. Wenn sie an den übermächtigen Nachbarn jenseits des Rheins denken, werden sie vor allem von zwei Vorstellungen um den Schlaf gebracht.

Jean-Louis Bianco, ein nachdenklicher Franzose aus der classe politique, der zu seiner Zeit als Generalsekretär des Elysée einer der besten Deutschlandkenner in der Umgebung Mitterrands war, bringt sie auf den Punkt: "Da ist erstens die Angst, daß die Deutschen wieder die Idee haben könnten: Deutschland, Deutschland über alles.’ Und da ist zweitens die Sorge, daß die Deutschen einen Sitz im UN-Sicherheitsrat ganz für sich allein anstreben." Wollen sie am Ende gar den Franzosen ihren Sitz streitig machen?

Andererseits: Wie stabil das deutsch-französische Verhältnis auf die Außenwelt wirkt, können am besten die Engländer deutlich machen. Ohne eigene Europapolitik, auch ohne kohärente Vorstellung davon, welchen Platz sie in Europa einnehmen wollen, stilisieren sie die deutsch-französische Allianz zu einem "zweiköpfigen Ungeheuer" (The Independent), das sie als Popanz vorschieben, wenn ihnen die Entwicklung auf dem Kontinent nicht paßt.

Vom Europa-Gipfel In Korfu, auf dem "little John", der britische Premier Major, dem Gespann Kohl-Mitterrand mit seinem Veto gegen die Wahl des Belgiers Dehaene zum Kommissionspräsidenten die Stirn bot, schrieb der Korrespondent des Independent: "Seit Jahren zielt die britische Europapolitik darauf ab, diese Achse (,im Herzen Europas’) zu brechen, oder, da dem Versuch bisher kein Erfolg beschieden war, wenigstens zu neutralisieren. Der Alptraum bleibt: ein europäischer Kern, der unter Ausschluß Großbritanniens von Franko-Germania kontrolliert wird und der im Handel und in seinen europapolitischen Grundsätzen unseren Interessen zuwiderläuft."