Von Gerd Fesser

Im Sommer des Jahres 1890 war der Name der kleinen Nordseeinsel Helgoland in Deutschland in aller Munde. Das Felseneiland hatte seit 1714 zu Dänemark und seit 1814 zu Großbritannien gehört. Am 1. Juli 1890 nun wurde ein deutsch-englischer Vertrag unterzeichnet, in dem Britannien die Insel an Deutschland abtrat. Als Gegenleistung verzichtete das Deutsche Reich auf einen erheblichen Teil seines Kolonialbesitzes in Ostafrika (Uganda, das Sultanat Witu und seinen Anteil an der Somaliküste) und erkannte das britische Protektorat über die Insel Sansibar an.

In England wie in Deutschland war allgemein zu hören, die deutsche Reichsregierung habe ein sehr unvorteilhaftes Geschäft gemacht. Der britische Kolonialpolitiker und Forschungsreisende Henry Morton Stanley soll gesagt haben, Deutschland habe einen neuen Anzug gegen einen alten Hosenknopf eingetauscht. Daß Helgoland eine große strategische Bedeutung besaß und man von dieser Insel aus die ganze Deutsche Bucht beherrschen konnte, fiel übrigens 1890 in den Augen der Briten nicht entscheidend ins Gewicht. Sie sahen damals nicht die schwache deutsche Marine, sondern die Flotten Frankreichs und Rußlands als potentielle Gegner an.

In Deutschland waren die Befürworter einer Kolonialexpansion außer sich. Sie beschlossen, eine Organisation zu gründen, die künftig die Regierung unter Druck setzen sollte, um sie zu einer zielstrebigen Kolonialpolitik zu veranlassen. So entstand 1891 der Alldeutsche Verband.

Eigentlicher Gründer des neuen Vereins war ein Regierungsassessor, der damals ganze 25 Jahre zählte und in der Öffentlichkeit noch völlig unbekannt war. Sein Name: Alfred Hugenberg. Neben ihm spielte vor allem der Kolonialpolitiker Carl Peters eine Rolle. Dieser Mann wurde wegen seines grausamen Vorgehens gegen die Eingeborenen in Deutsch-Ostafrika später auch „Hänge-Peters“ genannt. Der Verein hieß zunächst Allgemeiner Deutscher Verband, seit dem 1. Juli 1894 Alldeutscher Verband.

In den zweieinhalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg tummelte sich in Deutschland eine Vielzahl von „vaterländischen“ oder „nationalen“ (lies: nationalistischen) Verbänden. Die größten hatten beträchtlichen Einfluß auf das politische Leben des Kaiserreiches. Waren einige regierungsnah, so profilierte sich der Alldeutsche Verband als „nationale Opposition“: Er kritisierte die Regierungspolitik von rechts her. Die großen „nationalen“ Verbände hatten eine zahlreiche Mitgliedschaft, so der Deutsche Flottenverein seit 1908 mehr als eine Million. Der Alldeutsche Verband hingegen zählte Ende 1891 10 000 Mitglieder und 1914 auch nur 18 000.

Unter den Mitgliedern des Alldeutschen Verbandes überwogen Lehrer, Journalisten, Professoren, Freiberufler und Beamte (vor allem von Bahn und Post). Von den Aktivisten besaßen fast zwei Drittel eine akademische Bildung, und mehr als die Hälfte von ihnen war im öffentlichen Dienst tätig. Dem Verband gehörten die bekannten Historiker Dietrich Schäfer und Karl Lamprecht sowie der Naturforscher Ernst Haeckel an. Ernst Hasse, Verbandsvorsitzender von 1893 bis 1908, war Professor für Statistik und Reichstagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei. Auch ein so brillanter Geist wie der Soziologe Max Weber war bis 1899 Mitglied. Er verließ den Verband, weil er meinte, dieser vertrete gegenüber den Polen nicht konsequent genug die Interessen des „Deutschtums“.