Von Dietrich Willier

Brčko

Bitte kein Photo, fleht die ausgemergelte, grauhaarige Frau. Dann geht sie zögernd vor, beugt sich übers Geländer im Treppenhaus ihres heruntergekommenen Wohnblocks und lauscht. Nichts. Es bleibt still. Nur durch die zerschossenen Fenster hört man von draußen das Lachen spielender Kinder. Dann verschwindet sie in ihrer Wohnung.

Nevenka Varčaković hatte zwei Stunden lang erzählt. Von ihrer großen Tochter in Sarajevo, vom Krieg, der nur einen Flintenschuß hinter ihrem Haus am Rande von Brčko beginnt, und von ihrem Mann, der hier in der Posavina aus den serbischen Schützengräben auf seine muslimischen Nachbarn schießen muß. "Die Reichen haben sich bessere Plätze gekauft, weiter im Osten, wo die muslimischen Panzergranaten nicht hinkommen und die Kriegsprofiteure ihre Geschäfte machen."

Auch ihrem Schwager und dessen Sohn hatte das Geld gefehlt, um von hier wegzugehen. Vor einem Monat waren die Kisten mit ihren Leichen zurück nach Brčko gekommen. Man hatte die abgetrennten Köpfe der Toten vertauscht. Wie so oft ging die hagere Serbin damals zu ihrer muslimischen Nachbarin und weinte sich aus. "Sie hat mich getröstet", erinnert sich Nevenka, "ich hasse weder Muslime noch Kroaten, aber ich habe Angst vor den Granaten, der Nacht, den Denunzianten, und daß mein Mann seinen Mund nicht hält."

"In Brčko, einer Stadt von serbischer Kultur und serbischem Geist", informiert ein Flugblatt der Stadtverwaltung, "leben derzeit 28 000 Menschen, darunter 2000 Muslime und Kroaten." Nevenka muß lachen, als sie das liest: "Wir sind mehr geworden", staunt sie, "aber vor dem Krieg waren wir Serben in der Minderheit. Als hier alle aufeinander schossen, glaubten wir nicht, daß das noch jemand überlebt. Nicht einmal jeder zehnte ist in Brčko geblieben, dafür kamen die serbischen Flüchtlinge aus Mittel- und Ostbosnien."

Welches Schicksal Regierung und Armeeführung der bosnischen Serben ihr und ihrer Familie für die kommenden Wochen zugedacht haben, erfährt Nevenka Varčaković dann am Ende der amtlichen Verlautbarung: "Die Stadt Brčko", heißt es darin, "wurde zu einer Metapher für das Leben oder den Tod des gesamten serbischen Volkes. Die Serben, das sollte der ganzen Welt klar sein, werden es mit ihrem Leben verteidigen."