Von Helmut Höge

Gut zwanzig Prozent der „Entscheider“ in der PDS sind Unternehmer, ermittelte das Wirtschaftsmagazin Impulse, dies seien doppelt so viele wie in der CDU. Der Anteil der Selbständigen bei den einfachen PDS-Mitgliedern ist ebenfalls beträchtlich: Waren es doch die „Angehörigen der Machtelite“ und die „Spitzenkräfte in Wissenschaft, Kunst, Medien und Kultur“, die mit dem Beitritt arbeitslos wurden, allerdings noch am ehesten unternehmerische Fähigkeit entwickelt hatten. Dies legen jedenfalls die Untersuchungsergebnisse einer Forschungsgruppe Neue Selbständige im Transformationsprozeß nahe, die im Rahmen des Berliner Instituts für sozialwissenschaftliche Studien (Biss) 1200 Unternehmer in Ostberlin und Brandenburg befragte.

Die Nähe zur PDS bei den Neuen Selbständigen wird von den Autoren der Studie – abgewickelte Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Forschungsinstitut selbständig gemacht haben – damit erklärt, daß jene immer noch einer gewissen Kollektivität (auch am Eigentum) nachhängen, „effizienzsteigernde Grausamkeiten“ (wie Entlassungen) zu vermeiden suchen und nach wie vor gerne gesamtgesellschaftlich denken. In der DDR seien „Handlungsmuster kultivierbar gewesen, die andernorts als positiv denken gehandelt werden“.

Ich möchte in diesem Zusammenhang von einem „PDS-Sympathisanten“ berichten, den die – Biss-Forscher als „proletaroide Kümmerexistenz“ unter die Neuen Selbständigen einreihen würden. Er heißt eigentlich Rolf Dorst. Aber alle nennen ihn nur Egon. Egon aus 14532 Fahlhorst bei Babelsberg. Mit ihm arbeitete ich einige Monate in der Rindermast einer LPG bei Babelsberg zusammen. Er wurde dort als erster entlassen, obwohl er immer am längsten gearbeitet hatte. Bei den letzten Kaffeepausensitzungen der Rinderpflegerbrigade hatte er bereits alle möglichen Existenzgründungsentwürfe zur Diskussion gestellt. Das reichte vom Imbißstand am Bodesee bis zum Getränke- und Eisverkauf von seinem Wohnzimmerfenster aus.

Egon wohnte im schlechtesten Haus der LPG, heute in Treuhandbesitz, am Ende der Dorfstraße, an dem so gut wie nie jemand vorbeikam. Immerhin besaß er ein großes Grundstück, das noch einem Schrottplatz glich, auf dem er aber einmal Blumen und Tomaten züchten wollte. Schon vor der Wende hatte er sich in diversen Nebenerwerben versucht: zum Beispiel Einwegfeuerzeuge wiederaufgefüllt und alte Betten beziehungsweise Kissen gesammelt, die er gereinigt wieder verkaufte. Beim Aufräumen des Grundstücks sortierte er seine Autoersatzteile. Und damit begann sein erster Schritt in die Selbständigkeit: Er versuchte, sie in der Potsdamer Fußgängerzone zu verkaufen – mit wenig Erfolg.

Egon hatte, bevor er zur LPG gekommen war, in einem Bahnhofsrestaurant gekellnert. Mit dieser Erfahrung bewarb er sich nun bei einem Westberliner Hotel, das ihn als Reinigungskraft anstellte. Das Kleingeld, das er auf den Zimmern unter den Bettdecken oder Kissen fand, legte er sorgfältig auf die Nachttische – im Glauben, man wolle damit seine Ehrlichkeit testen. Erst kurz bevor er diese erste „Westanstellung“ wieder hinschmiß, wegen zu geringer Bezahlung, erfuhr er, daß es sich dabei um Trinkgelder für ihn gehandelt hatte.

In Teltow war unterdessen der erste Heimwerkermarkt eröffnet worden. Dort fing Egon dann als Detektiv an. Wieder war es seine Ehrlichkeit, an der er scheiterte: Er erwischte einen biederen Familienvater mit acht unbezahlten PVC-Knickrohren. Der Mann ging in seiner Not am nächsten Tag zum Geschäftsführer und bat diesen, die Anzeige zurückzunehmen. Der Westler ließ sich erweichen. Egon stellte ihn daraufhin zur Rede: So einfach ginge das nicht. Der barsche Ton gegenüber seinem Chef kostete ihm sofort seinen Job.