Von Karl-Heinz Janßen

Selbst ein berühmter Name schützt vor Torheit nicht. Mit seiner Attacke gegen das Konzept der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand hat es Franz Ludwig Graf Stauffenberg, ein Sohn des Hitler-Attentäters, wieder einmal geschafft, den 20. Juli zu eiinem Thema im politischen Tageskampf zu machen. Schon vor zwölf Jahren hatte er Herbert Weihner durch seine Polemik genötigt, von einer Gedlenkrede im Bendlerblock abzusehen. Zuvor hatten ihn freilich weder der Auftritt ehemaliger Nationalsozialisten noch die Rede des furchtbaren Juristen Hans Filbinger gestört.

Diesmal ist die Intervention--des einstigen CSU-Abgeordneten ernster zu nehmen, erfreut er sich doch der Unterstützung konservativer Freunde, etlicher Wehrmachtveteranen und Bundeswehroffiziere, verschiedener Zeitungen und auch der Zustimmung des Bundesverteidigungsministers. Das Museum im Bendlerblock – Teil der Gedenkstätte, die zugleich Forschungsstätte ist – trägt seit 1989 ein neues Gewand. Nun soll es möglichst von allem gesäubert werden, was an den Widerstand der Kommunisten und deutscher Emigranten erinnert.

Noch wurden die Bilder von Pieck und Ulbricht nicht abgehängt; auch der sowjetische Film über die Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland liegt weiter im Kassettenregal. Aber aufgepaßt – die Restauration marschiert! Schon vor einem Jahr, als Bundesverteidigungsminister Rühe dort, wo Oberst Claus Graf Stauffenberg den Aufstand gegen Hitler plante und in der Nacht zum 21. Juli 1944 erschossen wurde, seinen zweiten Amtssitz aufschlug, hat er sich empört, weil an diesem Orte (genaugenommen: zwei Stockwerke höher) DDR-Machthaber geehrt würden. Auf dem rechten Auge ist er blind – immer noch tragen 30 seiner Kasernen die Namen von Nazioffizieren.

Dokumentationszentren sind keine Ehrenmale. Ohnehin hängen die Bilder von Stauffenberg und Ulbricht nicht an derselben Stellwand. In Wirklichkeit dokumentiert die Ausstellung unter der Leitung von Johannes Tuchel und Peter Steinbach lediglich in einem Sonderraum – erläutert durch einen differenzierenden Text –, wie sich 1943/44 kriegsgefangene deutsche Offiziere und Soldaten unter der Anleitung kommunistischer Emigranten zum Widerstand gegen das Naziregime entschlossen haben.

Mit der Geschichte des Widerstandes hatten die Deutschen von Anfang an ihre Schwierigkeiten. Die Bonner Politiker trauten sich nicht, ihrem Volk der Mitläufer und Mitschuldigen den 20. Juli als nationalen Feiertag vorzusetzen, ja, es wehen an diesem Tage noch nicht einmal die schwarzrotgoldenen Fahnen. Der 20. Juli ist sowenig der Ursprung der Bundesrepublik gewesen wie das Nationalkomitee Freies Deutschland die Urzelle der DDR. Die Verfassungsentwürfe der Verschwörer blieben weit hinter dem Grundgesetz zurück, wenn auch einige Vorschläge des Kreisauer Kreises für die Zukunft entwicklungsfähig wären.

Schon der Begriff "Widerstandsbewegung" ist unsinnig. Widerstand meint Aktionen und Reaktionen vieler einzelner, die zumeist voneinander nichts wußten; erst spät berühren sich einzelne Kreise. Manche waren von 1933 an grundsätzlich gegen das Naziregime; für andere – vornehmlich die Militärs – gilt, was Alfred Grosser aufgefallen ist: "Die Ruinen von Rotterdam oder Warschau hatten ihr Gewissen nicht berührt. Erst vor den Ruinen deutscher Städte rührten sie sich." Nein, es gab nicht den einen leuchtenden Weg zum Widerstand, sondern viele Richtungen, viel Neben- und auch Gegeneinander, viel Einsamkeit. Und genau diese Vielfalt des Widerstandes stellt die Berliner Ausstellung dar.