Von Michael Schwelien

An jenem Freitag, als das Drama öffentlich wurde, war der Flughafen von Los Angeles wie ausgestorben. "Alle sehen fern, wir auch", sagte der Angestellte einer Fluggesellschaft, "die Cops sind hinter O. J. her." O.J. (Orange Juice) Simpson – schon der Name ist medienwirksam. Bald hundert Millionen Amerikaner sahen zu, wie ihr Held über die Freeways verfolgt wurde. Sein weißer Ford Bronco fuhr nordwärts, größtenteils auf dem Interstate 405. In Südrichtung war die Autobahn verstopft. Manche, die nicht vorankamen, sahen sich die bizarre Jagd auf tragbaren Fernsehgeräten an.

Andere hielten in dieser spontanen Sympathiekundgebung am Autobahnrand handgemalte Pappschilder hoch: "Save the Juice" und "We love the Juice" – "Rettet den Juice" und "Wir lieben den Juice". Er wurde in einem Slum von San Francisco geboren, war als junger Mann die Football-Sensation der University of Southern California. Als Profi-Footballer brach er alle Punktrekorde. Und auch der Absprung aus dem Sport gelang ihm. Zunächst machte er Werbung für Hertz-Autoverleih, dann kam Hollywood. Simpson spielte voller Selbstironie in den Komödien von Leslie Nielsen ("Die nackte Kanone") mit. Für 600 000 Dollar im Jahr kommentierte er im Fernsehen Football-Spiele.

Weniger glücklich verlief seine Ehe mit Nicole Brown, die er als achtzehnjährige Kellnerin kennengelernt hatte. Das Paar wurde nach sieben Jahren geschieden. Das war 1992. Jetzt soll Simpson seine Exgattin und ihren Liebhaber Ron Goldman, einen Kellner, im Eifersuchtsdrama erstochen haben. District Attorney Gil Garcetti, der oberste Staatsanwalt von Los Angeles County, weiß, was es heißt, einen solchen Volkshelden anzuklagen: "Es wird unsere Aufgabe sein, uns durch diese allgemeine Wahrnehmung hindurchzukämpfen und die Geschworenen zu überzeugen, daß es sich hier wirklich um eine ganz andere, Persönlichkeit handelt." Wahrnehmung; Schein: Es wird im Prozeß darum gehen, ob die Ankläger das Image vom netten Jungen, der sich vom Ghetto in die Traumfabrik hochgearbeitet hat, ob sie diesen Eindruck wegwischen und das vom gemeinen Mörder erzeugen können.

"Wir sparen uns die Todesstrafe für Leute auf, die wir hassen", kommentiert in Miami Rechtsanwalt Roy M. Black, "ich kann mir keine Jury in Los Angeles vorstellen, die O. J. zum Tode verurteilt." Black beherrscht das Spiel, das jetzt um O. J. Simpson beginnt. Er verteidigte den Kennedy-Neffen William Smith, der vor drei Jahren wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht stand. Das Spiel heißt: Wie nutze ich die Medien, um die Geschworenen von der Unschuld meines Mandanten zu überzeugen, wie treffe ich ihre Gefühle?

Im Falle Kennedy-Smith durfte im Gerichtssaal während der ganzen Verhandlung gefilmt werden. CNN und Courtroom Television Network übertrugen live. Nun hat Amerika wieder einen solchen Einschaltquotenfall, den Fall Simpson. Alle großen Sender wollen kontinuierlich übertragen. Für die Übertragung von Wimbledon hatte NBC zwar viel Geld bezahlt. Doch nun wird der Sender lediglich Ausschnitte davon während der Prozeßpausen bringen. Diese Art Fernsehen hat etwas von einem Bordell, aber von einem Bordell mit einem Séparée für Selbstgerechtigkeit. Schrecklich, schrecklich, darf der Zuschauer stöhnen, während die saftigen Details von Sex- und Bluttaten aufgetischt werden.

Sie werden bei O. J. auf den Tisch kommen, sie kamen bei Smith auf den Tisch. Ein Blick zurück auf das Jahr 1991. Das Fernsehen ist auf Großaufnahme eingestellt. "Dies ist wohl nicht die Art BH, die eine trägt, wenn sie mal eben beim Chinesen was zum Essen holt", kommentierte ein TV-Moderator genüßlich, als der Spitzenbüstenhalter des vermeintlichen Opfers als Beweisstück vorgezeigt wurde. Was sollte das Dessous beweisen? Gar nichts. Es sollte einen Eindruck erwecken, nämlich diesen: Wenn eine Frau solche Reizwäsche trägt, dann reizt sie auch zum Sex auf, dann ist sie nicht dazu gezwungen worden.