Von Carl-Christian Kaiser

Bonn

Noch bis in seine letzten Abgeordnetentage hinein treibt es Hans-Jochen Vogel um. Gerade ist er aus dem Wahlkreis Plauen in der ehemaligen DDR zurückgekommen. Nun folgt das Bürgerbüro in Neukölln, das er seit langen Jahren als Berliner Abgeordneter unterhält. Und die letzte, die 36. Reise wird die Reihe der Besuche in allen Wahlkreisen abschließen, in denen ostdeutsche Sozialdemokraten zu Hause sind.

Richtig vor Ort sein und unmittelbar etwas bewirken, Spuren hinterlassen, Politik zum Anfassen machen, das wünschen sich viele Politiker. Vogel freilich betreibt das mit System, wie alles in seinem Leben. Wie er die östlichen Wahlkreise besuchte, so ist er wiederholt in den unruhigen südlichen Randstaaten der früheren Sowjetunion gewesen. Er hat darüber warnende und mahnende Berichte verfaßt, auch für das Auswärtige Amt in Bonn. Die Wahlkreisreisen wiederum galten der vielberufenen inneren Einheit, und da wird Vogel heftig: Wie viel Dünkel bei den Wessis, wie viele grobe Hände statt Fingerspitzengefühl. Sein Zorn hat auch mit der, wenn man sie denn so nennen will, vom Bundestag gerade verabschiedeten Verfassungsreform zu tun: Nichts, aber auch gar nichts aus der Wertewelt der Ostdeutschen sei übernommen worden. Auch was Vogel in der Verfassungskommission vorgebracht hat, ist bei der CDU weithin ohne Echo geblieben.

Vogel erzürnt das um so mehr, weil er selbst feingesponnenen intellektuellen Debatten ein praktisches Resultat abgewinnen möchte. Er ist und bleibt ein Mann der Exekutive, der er als Münchner und Berliner Oberbürgermeister, als Bonner Minister für Wohnungsbau und für Justiz, ja selbst als Vorsitzender der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion war. Über das „Dezernentenwesen“, das er bei der Fraktionsspitze einführte, ist viel gelästert und gelacht worden.

Daß es in der Fraktion häufig so zuging wie vorher im Münchner Rathaus, entspricht wiederum Vogels systematischer Art. Alles soll seine Ordnung haben, möglichst perfekt und effizient sein. Damit hat sich der mit triumphalen Ergebnissen gewählte junge Oberbürgermeister einen Namen gemacht – und man muß hinzufügen, daß dieser Posten damals fast wie ein politischer Gegenpol zu Konrad Adenauers schier übermächtiger Herrschaft erschien: ein Sozialdemokrat erfolgreich an der Spitze der heimlichen Hauptstadt Westdeutschlands.

Allerdings, Vogel verstrickte sich dann in einen oft kleinkarierten Streit mit der Münchner Linken, so daß sich der Wechsel in die Landes-SPD und dann nach Bonn in die Kabinette Willy Brandts und Helmut Schmidts wie eine Flucht ausnahm. Im nachhinein nimmt das wunder, denn der Kommunalpolitiker Vogel vertrat Positionen, die man heute ohne weiteres als links einstufen würde, die aber seinen von der Unruhe gegen Ende der sechziger Jahre beflügelten Gegenspielern in München bei weitem nicht genügten.